Pöhl Stefan: Lernbiographien von ErwachsenenbildnerInnen. Lebensgeschichtliche Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegestände von vier Südtiroler EwachsenenbilderInnen. (Diplomarbeit) Innsbruck 1998.
“ErwachsenenbildnerIn
werden”, “Lehren”, “Lernstil und Lehrstil”,
weitere Merkmale
Im
zweiten Unterpunkt werden der Einstieg in die Lehre in der Erwachsenenbildung
und das Lehren in der Erwachsenenbildung untersucht, im ersten und dritten
Unterpunkt der auf den erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstand
bezogene Lehrstil.
Der
Einstieg in die Erwachsenenbildung geschieht nur bei einer der vier
untersuchten ErwachsenenbildnerInnen wegen einer bedeutenden biographischen
Erfahrung. Direkt in die Lehre in der Erwachsenenbildung geschieht der Einstieg
bei drei ErwachsenenbildnerInnen. Nur einer Erwachsenenbildnerin ist die
Möglichkeit des Tätigseins in der Erwachsenenbildung schon
länger vor dem eigenen Einstieg in die Erwachsenenbildung bekannt, und
für alle vier untersuchten ErwachsenenbildnerInnen ist die Tätigkeit
in der Erwachsenenbildung im Sinne von BRUGGER (1991b) keine
ursprüngliche, d.h. längerfristig ins Auge gefaßte
Tätigkeitsoption. Das Durchschnittsalter der vier untersuchten
ErwachsenenbildnerInnen liegt beim Einstieg in die Erwachsenenbildung bei 32
Jahren, keiner davon steigt direkt nach der Erstausbildung ein, sondern der
Zugang zur Erwachsenenbildung wird – wieder einem Schema von BRUGGER
(1991b) folgend – von drei ErwachsenenbildnerInnen “über
vergleichbare Bereiche”, von ein oder zweien “auf der Suche nach
beruflicher Veränderung”, von einer “mangels entsprechender
Alternativen” und von zwei wegen “finanzieller oder existentieller
Schwierigkeiten” gefunden. Konkret trifft ökonomische Notwendigkeit
bei einer Erwachsenenbildnerin als Einstiegsgrund zu, ökonomische Motive
sind bei zwei weiteren ErwachsenenbildnerInnen mitbeteiligt.
Im
Verlauf der Auswertung sind weitere Merkmale auffällig geworden, die zu
Beginn der Auswertung aufgestellte Hypothesen nicht abdecken, die aber
möglicherweise zur Charakterisierung von Personen, die
ErwachsenenbildnerInnen werden, dienen können. Die Bildungsvoraussetzungen
der vier untersuchen ErwachsenenbildnerInnen sind eher hoch: ein
Oberschulabschluß ist der niedrigste Bildungsabschluß, drei (W54,
M53, M42) von vier erreichen vor Einstieg in die Erwachsenenbildung oder
parallel zur Tätigkeit in der Erwachsenenbildung einen
Hochschulabschluß. Durchbrechungen von Norm-Schullaufbahn bzw.
Sonder-Schullaufbahnen kommen in den Erfahrungen von zwei
ErwachsenenbildnerInnen vor: W54 überspringt aus eigener Motivation ein
Volksschulklasse, M53 verläßt die Volksschule wegen eines
Oberschulbesuchs früher. Zwei der drei ErwachsenenbildnerInnen, die den
Hochschulabschuß erreichen, beginnen dieses Studium nach einer
Berufsphase mit 21 (W54) bzw. 36 (M53) Jahren. Bildung wird also nach der
traditionellen Phase der Bildung im Lebenslauf wieder aufgenommen. Erfahrungen
der geographischen Mobilität machen drei der vier ErwachsenenbildnerInnen
schon in der Kindheit: häufige Wohnortswechsel mit der Ursprungsfamilie
(W39) und Schulbesuch im Internat (M53, M42). Alle vier untersuchten
ErwachsenenbildnerInnen sind auch als Erwachsene geographisch mobil, sie
verlassen Südtirol und kehren wieder dorthin zurück. Drei
ErwachsenenbildnerInnen verlassen Südtirol, um zu studieren, zwei (M53,
M42) wohnen auch am Studienort, W54 pendelt zwischen Südtirol und dem
Studienort. Bildung wird also außerhalb Südtirol erworben, beruflich
umgesetzt wird diese Bildung dann in Südtirol. Bei M42 (und ein wenig auch
bei W54) wiederholt sich dieses bildungsbedingte Verlassen von Südtirol
und Wiederzurückkommen ein zweites mal im Zuge von Weiterbildungsphasen,
der Grund ist bei M42 eine unvorteilhafte berufliche Situation in
Südtirol. Gleich wie M53 und M42 lebt auch W39 einige Zeit außerhalb
von Südtirol, sie verläßt Südtirol aber motiviert durch
die Achtundsechziger-Bewegung, ihre Rückkehr nach Südtirol ist
teilweise motiviert durch eine persönliche Krisensituation. Auch sie setzt
dann in Südtirol beruflich um, was sie außerhalb erworben hat:
ästhetische und künstlerische Fertigkeiten. Die berufliche
Etablierung geschieht also in Südtirol, aber bei allen drei
ErwachsenenbildnerInnen, die einige Zeit außerhalb von Südtirol
wohnten, behalten Kontakte nach außerhalb auch später an Relevanz,
bei zwei (M53, M42) davon auch berufsbedingt. Zusammenfassend könnte in
einem heuristischen Sinn aus diesen Merkmalen die Hypothese aufgestellt werden,
daß früher intensiver Kontakt mit Bildung,
Mobilitätserfahrungen und die Durchbrechung von Norm-Bildungsabläufen
das Ergreifen der gleichfalls neben den Norm-Berufslaufbahnen liegenden
Tätigkeit in der Erwachsenenbildung (BRUGGER 1991b) begünstigen.
Bei
drei der vier untersuchten ErwachsenenbildnerInnen fällt der Einstieg in
die Erwachsenenbildung mit dem Einstieg in die Erwachsenenbildung als Lehre
zusammen (Hypothese 5). Das gänzliche Fehlen von Lehrerfahrung hält
nicht vom Einstieg in die Lehre in der Erwachsenenbildung ab, biographische
Legitimationen können über die fehlende Lehrkompetenz hinweghelfen.
Volksschullehrerfahrung befreit aber eine zweite Erwachsenenbildnerin nicht
gänzlich von der Frage der Lehrkompetenz vor Erwachsenen. Erfahrungs- und
persönlichkeitsbedingt und auch bedingt durch geringe Relevanz der Lehre
in der Erwachsenenbildung kommen zwei weitere Erwachsenenbildner beim Einstieg
in die Lehre in der Erwachsenenbildung schon “jenseits” der Frage
nach der Lehrkompetenz zu liegen.
Bei
der Suche nach Gründen für die Entscheidung für eine Lehre in
der Erwachsenenbildung hat sich die Annahme einer Polarisierung von Lehre in
der Schule oder Lehre in der Erwachsenenbildung als nicht sehr brauchbar
erwiesen. Bei zwei Erwachsenenbildnern ergibt sich eine Situation des
zeitlichen Versetztseins von Lehre in der Schule / Erwachsenenbildung und Lehre
in der Erwachsenenbildung / Schule. Und bei diesen Fluktuationen zwischen
Schule und / vor / nach Erwachsenenbildung ist bei zwei ErwachsenenbildnerInnen
auch die Konzentration auf die Lehre nicht durchzuhalten, es geht vielmehr um
Lehre, Verwaltungstätigkeit und Organisationstätigkeit in Schule und
Erwachsenenbildung. Als ein Grund für die Entscheidung für die
Tätigkeit (nicht nur der Lehre) in der Erwachsenenbildung hat sich
allerdings das Angebot des größeren Freiraumes, den die
Erwachsenenbildung bietet, herauskristallisiert. Dabei spielen nicht nur
häufige Konflikte mit Autoritäten im Sinne BRUGGERs (1991b) eine
Rolle, sondern auch ganz anders gelagerte Persönlichkeitskonstellationen,
die des größeren Freiraumes bedürfen, um sich verwirklichen zu
können. Bei zwei der vier untersuchten ErwachsenenbildnerInnen spielen
Vorbilder, d.h. Lehrende in der Erwachsenenbildung, bei der Entscheidung
für eine Tätigkeit in der Erwachsenenbildung eine Rolle.
Der
Besuch von Erwachsenenbildungsveranstaltungen wurde als Einstiegsgrund nicht
näher untersucht, insgesamt haben aber bei zwei (W39, M42) der vier
untersuchten ErwachsenenbildnerInnen solche
Erwachsenenbildungsveranstaltungs-Besuche vor dem eigenen Einstieg in die
Erwachsenenbildung stattgefunden. Die Erfahrungen im Elternhaus von W54 sind
solchen Besuchen zweifellos gleichzusetzen. Von den vier untersuchten
ErwachsenenbildnerInnen nahm also einer (M53) vor dem eigenen Einstieg an in
die Erwachsenenbildung nie an Erwachsenenbildung teil (die geringe Relevanz der
Lehre in der Erwachsenenbildung von M53 paßt freilich gut zu diesem
Befund). Ein weiterer Grund für den Einstieg in die Lehre in der
Erwachsenenbildung, der auffällig geworden ist, ohne von einer Hypothese
erfaßt zu werden, könnte ein früherer Wunsch, LehrerIn zu
werden, sein. Dies trifft bei drei der vier untersuchten
ErwachsenenbildnerInnen zu.
Lern-
und Lehrstile werden von den interviewten ErwachsenenbildnerInnen nicht
zueinander kontrastierend beschrieben, es werden überhaupt kaum
unterschiedliche Lernstile von den einzelnen Interviewten beschrieben. Der
Lernstil erweist sich allerdings als typisch für jeden einzelnen
Erwachsenenbildner und als solcher klar biographieabhängig und aus der
Biographie heraus erklärbar. Zu diesen Lernstilen werden
“passende” Lehrstile beschrieben, in die sie eingebettet waren. Als
Gemeinsamkeiten der Lernstile läßt sich eine grundsätzliche
Lernbereitschaft der zukünftigen ErwachsenenbildnerInnen erkennen und die
Fähigkeit selbständig zu lernen. Irgendeinmal in der Biographie wird
bei den untersuchten ErwachsenenbildnerInnen Lernen deutlich relevant und es
bleibt dann auch weiterhin relevant. Zwei von vier ErwachsenenbildnerInnen
zeigen erst ein spätes (im dritten Lebensjahrzehnt) Relevantwerden bzw.
Wieder-Relevantwerden des Lernens. Die Beziehung zu den Lehr-Personen ist sehr
persönlichkeitsabhängig was Nähe, Distanz, Konflikthaftigkeit,
(Nicht-) Autoritätshaftigkeit der Beziehung angeht. Frühe Relevanz
von Lehrpersonen schon in der Kindheit findet sich bei drei der untersuchten
ErwachsenenbildnerInnen, wobei entweder ein oder beide Elternteile
Volksschullehrer waren oder Lehrer als wichtige Lern-Förderer auftraten
– Stichwort “Buchklima”. Im erwachsenenbildnerischen Lehrstil
läßt sich der biographisch wichtigste Lernstil als
erwachsenenbildnerischer Lehrstil umgesetzt wiedererkennen, unabhängig
davon, ob dieser wichtigste Lernstil der auf den erwachsenenbildnerischen
Lerngegenstand bezogene ist oder nicht. Nur bei zwei der vier untersuchten
ErwachsenenbildnerInnen war der eigene Lehrstil im lebensgeschichtlichen
Gespräch relevant, wobei die Tatsache des Sprechens über den
Lehrstile auch zeitlich-kulturelle Hintergründe (“1968”,
Managementmethoden) haben dürfte. Ein Lernstil der bei zwei
ErwachsenenbildnerInnen unter anderem durch hohe Lernleistung und
Leistungsbewußtsein charakterisiert ist, bedingt nicht einen
leistungsbetonten Lehrstil dieser ErwachsenenbildnerInnen.
Praxis:
Das Forschen am Wichtigen und am Banalen
Erst
am Ende der Auswertung des letzten biographischen Interviews konnte ich die
Nebenberuflichkeit der untersuchten Erwachsenenbildner richtig anerkennen. Am
Beginn der Auswertung war ich mit W39 mit einer (wahrscheinlich)
hauptberuflichen Erwachsenenbildnerin konfrontiert und die Hypothesen, die ich
später formulierte, gingen vom Wichtigst-Sein der Lern- und
Lehrgegenstände aus, aber was mich wohl am meisten von der Beachtung der
Nebenberuflichkeit abhielt, war mein versteckte Unwille, mich mit etwas
“Nebensächlichem” auseinanderzusetzen (das sich erst aus einer
größeren Entfernung wieder in das Gesamt der Bedürftigkeiten
und Wünsche der untersuchten Erwachsenenbildner einfügt). Diese
Kränkung, nicht an etwas Wichtigem und Bedeutendem zu forschen und
schlußendlich banale Ergebnisse produziert zu haben, wird
erträglich, wenn die eigene Erwartung der Wichtigkeit und Bedeutung vom
Gesamtergebnis in die Detailergebnisse, oder vielleicht sogar unter die Ebene
von Ergebnissen, zu den Zusammenhängen, umgelenkt wird, die Verbindung zur
“Empirie” also aufrechterhalten wird. Dort wo es um die Frage geht:
Was macht der / die Einzelne aus und mit seinem / ihrem Leben im
alltäglichen Kontext, dort finde ich, geht es allemal um Wichtiges und
Spannendes. Möglicherweise wäre deshalb die Forschungsform der
“Fallstudie”, wie sie etwa KADE (1989) über die biographische
Bedeutung der Erwachsenenbildung für Kursleiter erstellt hat, angebrachter
gewesen, denn diese abstrahiert die Ergebnisse nicht so weit, wie es in dieser
Arbeit geschehen ist. KADE verbleibt mit der Ergebnisformulierung näher an
den einzelnen untersuchten ErwachsenenbildnerInnen, etwa auf der Ebene der
Ergebnisse zu den Unterpunkten in dieser Arbeit.
© 1998 