Pöhl Stefan: Lernbiographien von ErwachsenenbildnerInnen. Lebensgeschichtliche Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegestände von vier Südtiroler EwachsenenbilderInnen. (Diplomarbeit) Innsbruck 1998.
UNTERPUNKT: Grund, Anlaß, Auslöser
BESCHREIBUNG 1 des Auftauchens und des Ursprungs des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes
HYPOTHESE 2: Der erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand hat eine wichtigere biographische Funktion als andere formelle Lerngegenstände
UNTERPUNKT: Entwicklung
HYPOTHESE 3: Qualitätsverbesserung des Lerngegenstandes
UNTERPUNKT: Lernstil, Didaktik
HYPOTHESE 4: positiver Lernstil ist biographieabhängig
ERGEBNIS:
W39: spät relevantgewordenes, betont eigenständiges (=persönlichkeitskohärentes) Lernen
Exkurs: begleitende Theorieelemente
W54: frühes, “Lernklima”-, persönlich betreutes, selbstgewolltes, selbständiges, intensives (=persönlichkeitskohärentes) Lernen
M53: frühes, Lehrpersonbezogenes, persönlich betreutes, intensives, “müssen”- (=persönlichkeitskohärentes), eigenständiges Lernen; kontrollierte Loyalität
M42: spät wieder relevantgewordenes, anforderungsorientiertes, eigenständiges - qualifikationszentriertes Lernen
Exkurs: begleitende Theorieelemente
UNTERTHEMA
1: Der erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand als Lerngegenstand
Die
Unterthemen-Gliederung teilt den Lebenslauf grob in drei Etappen ein. Das
Unterthema Lerngegenstand deckt dabei das Thema der lebensgeschichtlichen
Einbettung der Lern- und Lehrgegenstände bis zur zeitlichen Grenze des
Einstiegs in die Erwachsenenbildungstätigkeit ab.
UNTERPUNKT:
Grund, Anlaß, Auslöser
ERGEBNIS
Die
in der Hypothese 2 – “Der erwachsenenbildnerische Lern- und
Lehrgegenstand hat eine wichtigere biographische Funktion als andere formelle
Lerngegenstände” – untersuchten Fragen ergeben nur bei einem
erwachsenenbildnerischen Lerngegenstand (M53: “Religiöse
Bildung”) eine “Passung” dieser Hypothese: der
erwachsenenbildnerische Lerngegenstand ist wichtiger als andere
Lerngegenstände, er ist im engeren zeitlichen Umfeld seines Auftauchens an
bedeutendem Gesehenen beteiligt, und wichtige Themen und Motive stehen mit ihm
in Zusammenhang. Bei den übrigen sieben untersuchten
erwachsenenbildnerischen Lerngegenständen spielt die Frage der
größeren Wichtigkeit bei ihrem Auftauche als andere formelle
Lerngegenstände keine Rolle und an drastischerem biographischem Geschehen
sind sie mitunter gerade nicht beteiligt. Der erwachsenenbildnerische
Lerngegenstand kommt also tendenziell “auf leisen Sohlen” daher und
offenbart seine biographische Funktion im engeren zeitlichen Umfeld seines
Auftauchens nicht. Einzig die Verbindung zu wichtigen Themen und Motiven sind
bei vier von fünf beschriebenen Lerngegenständen gegeben, das
Auftauchen des erwachsenenbildnerischen Lerngegenstandes macht also
biographisch Sinn und ist tendenziell in einem über das unmittelbare
zeitliche Umfeld hinausreichenden Zusammenhang nicht zufällig. Im Detail
läßt sich dabei erkennen:
- Das
Auftauchen des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes als
Lerngegenstand im lebensgeschichtlichen Gespräch ist bei W39
(“Keramik”) und M42 (“Selbst und Sozialkompetenz”)
verbunden mit dem (Wieder-) Auftauchen des Lernens als Motiv in der Biographie.
Lernen, das dabei deutliche Ausbildungsaspekte hat, wird bewußt und aus
eigener Motivation betrieben oder wenigsten (im lebensgeschichtlichen
Gespräch rückblickend) bewußt wahrgenommen. Es ist, als ob das
Lernen von den beiden zukünftigen ErwachsenenbildnerInnen nach einer
Schullaufbahn für sie selbst entdeckt worden und relevant geworden
wäre.
- Als
Lebensphase des Auftauchens des erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstandes als Lerngegenstand läßt sich dabei die
nach-schulische Lebensphase beschreiben, die weiters nach einer jugendlichen
Sturm-und-Drang-Phase, am Beginn einer gewissen Konsolidierung im
Erwachsenenalter liegt. Neben diesen beiden im Lebenslauf relativ spät
auftauchenden erwachsenenbildnerischen Lerngegenständen tauchen diese bei
W54 und M53 früher auf, und zwar ganz früh bei W54 im Fall des
erwachsenenbildnerischen Lerngegenstandes “Sprachlicher Bereich”
und zu Beginn der Jugendzeit bei W54 (“Pädagogischer Bereich”)
und bei M53 (“Religiöse Bildung”). Zu diesen beiden Phasen des
Auftauchens kommt dann noch die sehr späte dazu, in der sich die
Ausweitungen der erwachsenenbildnerischen Lehrtätigkeiten ergeben (W54:
Intensivierung von “Pädagogischer Bereich”; M53:
“Soziales”, “Ladiner”; M42: “Bildungs- und
Kulturmanagement”).
- Eine
Beschreibung der Interviewten zum erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstand als Lerngegenstand fehlt bei drei (M53: “Soziales,
“Ladiner”, M42: “Bildungs- und Kulturmanagement”) von
acht untersuchten Lerngegenständen.
- Als
weiteres Merkmal läßt sich bei zwei Lerngegenständen deren
Auftauchen als Folge einer Ausbildungs- bzw. Berufswahl feststellen (M53:
“Religiöse Bildung”; M42: “Selbst- und
Sozialkompetenz”).
Über
die durch die Hypothesen abgedeckten Aspekte hinausgehend muß aber auch
festgestellt werden, daß der erwachsenenbildnerische Lern- und
Lehrgegenstand bei seinem Auftauchen als Lehrgegenstand tendenziell noch nicht
für eine spätere Lehrtätigkeit in der Erwachsenenbildung
intentioniert war. Nur bei einem der vier untersuchten ErwachsenenbildnerInnen
(M42: “Selbst- und Sozialmanagement”) taucht der Lerngegenstand
intentional auch als späterer Lehrgegenstand für die
Erwachsenenbildung auf (bzw. wird bald auch in dieser Intention gelernt). Nur
bei einer (anderen) Erwachsenenbildnerin (W54: “Pädagogischer
Bereich”) steht bei seinem Auftauchen schon die spätere Lehre dieses
Lerngegenstandes fest; allerdings die Lehre in der Schule. Bei den beiden
anderen ErwachsenenbildnerInnen ist die Lehre des aufgetauchten
Lehrgegenstandes entweder ein Randphänomen (M53) oder unbeabsichtigt
(W39). Die Intentionen im einzelnen waren: keine bei W39, Lehrerin bei W54,
Priester bei M53 und Betriebsberater bei M42.
BESCHREIBUNG
1 des Auftauchens und des Ursprungs des erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstandes
Um
dem Grund für das Aufgreifen des erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstandes als Lerngegenstand näherzukommen, hier zuerst einmal eine
Beschreibung des ersten Auftauchens und des Ursprungs des
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes als Lerngegenstand. Dabei
ist diese Darstellung aber für ein Ergebnis nicht relevant, erst die bei
der nächsten Hypothese beleuchtete Verbindung der Lerngegenstände zu
wichtigen Themen und Motiven hat Aussagekraft bezüglich der Fragestellung
der lebensgeschichtlichen Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstände. Hier sind als Ursprünge zwar schon einige wichtige
Themen und Motive genannt, manche sind aber für biographische
Schlüsse zuwenig signifikant.
W39:
mit der Hinwendung zum “Lernen”
Das
erste Auftreten des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes “
Keramik”
als Lerngegenstand markiert in W39‘s Erzählung jenen Punkt, an dem
sie sich von sich aus dem Oberthema “Lernen” zuwendet (vgl. auch
482-484).
195
W39: Ja da habe ich schon mit der Keramik angefangen und auch
196
total guten Lehrer gehabt in [Stadt 1], der hat so ein Laboratorium
197
gehabt, wo man gekonnt hat hingehen und der hat mir dann einfach
198
den Schlüssel gegeben und gesagt, ich soll das tun, was ich will
199
I: Mhm
200
W39: Dann habe ich praktisch arbeiten gekonnt, wie mir das gepaßt
201
hat
Die
Zeit davor ist geprägt vom Oberthema “Autonomie”, wobei W39
ihre Schullaufbahn mit einem Abbruch beendet (vgl. 72-79). Vor dem Auftreten
des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes “Keramik”
kann man in W39’s nicht realisiertem Wunsch, die Kunstschule zu besuchen
(vgl. 74-75), einen Ursprung dieses Lern- und Lehrgegenstandes sehen.
W54:
beim “Aufholen”; als weiterführender Schulbesuch
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
Sprachlicher
Bereich
”
taucht erstmals als Lerngegenstand im Zusammenhang mit W54’s aus eigenem
Antrieb angegangener Überstiegsprüfung in die 1. Klasse Mittelschule
auf. Mit dieser Prüfung überspringt sie die 5. Klasse Volksschule.
W54 zum Prüfungsprogramm:
150
(...)und dann natürlich der ganze Fünftklassestoff in
151
Mathematik war aufzuholen mit den Schlußrechnungen und so weiter
152
das hat mir natürlich am meisten Schwierigkeiten äh gemacht, da
153
war aber mein Vater als Lehrer recht stark auch (leichtes Lachen)
154
methodisch das recht gut äh mir beizubringen, der sprachliche
155
Bereich hat überhaupt keine Schwierigkeiten gemacht, dann äh
156
nachdem wir in ich in recht so in einem Buchklima aufgewachsen bin
157
mmh hab’ ich da weiter nicht müssen weißgott welche
Vorbereitungen
158
machen, (...)
W54
kehrt in ihrer Benennung der Lerngegenstände nicht mehr zum
ursprünglichen konkreten Lerngegenstand zurück, sondern verbleibt
dabei in der lebensgeschichtlich später dazugekommenen abstrakten
Benennung “sprachlicher Bereich”. Es geht dabei um den konkreten
Lerngegenstand
Deutsch,
der dann zum erwachsenenbildnerischen Lehrgegenstand Deutsch für
italienischsprachige Staatsangestellte werden wird. Die konkreten
Gegenstände
Rhetorik
und
Kommunikation,
die auch mit dem erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstand
“Sprachlicher Bereich” gefaßt sind, kommen erst im Zuge einer
Ausweitung des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes dazu. Ein
Ursprung für diesen erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstand ist
außer dieser indirekten Feststellung von W45, in diesem Bereich
talentiert zu sein und dabei gefördert worden zu sein, nicht feststellbar
(Motiv “Erfolgsbegründung: Förderung und Bildungsvorteil
verdeckt Eigenleistung”). Die Förderung hat dabei schon früh
begonnen.
64
(...) die äh Mutter war da noch
65
äh also war eigentlich recht beflissen und hat uns schon sehr
66
früh, auch so über ganz einfache spielerische Art in in
67
Strichlmachen und ins Buchstabenschreiben eingeführt, und auch da
68
hat sie das eigentlich, aus ihrer Sicht äh . aus ihrer Sicht ich
69
glaube daß sie das geschickt machte, damit wir dann nicht in die
70
Schule kommen und etwa schon das Lesen äh können, und uns dort
71
dann etwa langweilten hat sie uns die Deutsche Schrift .
72
beigebracht, sodaß wir eigentlich, alle Geschwister, es waren
73
deren vier, haben eigentlich bei Schuleintritt schon lesen können (...)
Als
erstes Auftauchen des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes “
Pädagogischer
Bereich
”
als Lerngegenstand kann der Einritt in die Lehrerbildungsanstalt (LBA) gewertet
werden.
197
(...) nach der
198
zweiten Klasse äh haben die Eltern entschieden, daß doch es
199
sinnvoller wäre äh .. eigenartigerweise uns beide, wiederum, es
200
geht wiederum um diese äh äh ältere Schwester, uns beide an die
201
Lehrerbildungsanstalt zu schicken
Der
Ursprung dieses erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes liegt im
Berufswunsch von W54, Lehrerin zu werden und in der Lehrerberufstradition der
Ursprungsfamilie (Thema “Ursprungsfamilie: mit Berufstradition, Dominanz
von Bildung und Schule”).
M53:
nach Berufswahl
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
religiöse
Bildung
”
taucht als Lerngegenstand erstmals in Zusammenhang mit der Ausbildungswahl nach
der Mittelschule auf.
92
(...) und dann schließlich und endlich habe ich mich dann
93
entschieden . ins Priesterseminar, wenigstens zu anzufangen mit
94
Philosophie, ja dann habe ich zwei Jahre Philosophie gemacht dann
95
hat es mir recht gut gepaßt habe auch Theologie gemacht(...)
Der
Ursprung dieses Lerngegenstandes liegt im Thema “Studierengehen =
Lebenslaufmuster für Exilladiner”, wie es hier bei der Entscheidung,
nach der Volksschule die die Mittelschule in Stadt1 zu besuchen, zum Ausdruck
kommt.
64
(...) habe ich jaja haben halt auch die Eltern gemeint vielleicht .
65
studieren gehen, und das Studierengehen war damals ich bin nämlich
66
aus ladinischen Tälern, das Studierengehen hieße irgendwo die
67
Mittelschule machen (...)
Für
den biographischen Ursprung des erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstandes “
Soziales”
lassen sich Benachteiligungssituationen in der Kindheit vermuten, die sich vor
allem auf Bildungsbenachteiligung von Nicht-Angesehenen bezieht (Motiv
“Bildungs-Benachteiligung nicht Angesehener”).
161
(...) aber damals
162
als ich noch war sind ganz wenige aus dem Dorf studieren gegangen,
163
waren ein paar Hotelierssöhne oder oder, jaja Söhne von Hotelieren
164
haben haben sind halt geschickt geworden von den Eltern,
165
irgendeine Schule zu machen . die konnten dann wurden auch von den
166
von den von den Lehrpersonen eher gefördert, weil sie mehr Ansehen
167
gehabt haben, und die haben dann zum Beispiel manche Klassen nur
168
eben nur einmal gemacht und sind früher in die Mittelschule geko
169
gegangen ich bin so ein Bauernsohn gewesen, da war man in jeder
170
Hinsicht benachteiligt (...)
Als
ein Gegenstand des Lernens taucht “Soziales” aber im Interview nie
auf, auch nicht als Lerngegenstand des Priesterseminars, wo die
“Christliche Soziallehre”, auf die sich M53 bezieht, aber
höchstwahrscheinlich gelernt wurde. Relevant wird “Soziales”
für M53 scheinbar erst als Diözesanassistent.
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
Ladiner”
läßt seinen Ursprung auch auf Benachteiligungssituationen in der
Kindheit zurückverfolgen, als Lerngegenstand kommt er im Interview
allerdings auch nie vor – außer man wollte hier das
Soziologiestudium von M53 mit einbeziehen. Einige Erzählpassagen berichten
vom Motiv “Diskriminiertseins als Ladiner” (vgl. auch 336-339).
344
(...) ich habe es auch ich habe es auch vor allem
345
in der Mittelschule gespürt die ersten Jahre gespürt daß
daß
346
Ladiner hat man damals nicht gesagt zu uns man hat gesagt
347
Krautwalsche, das war, äh eher abwertende Ausdrücke und wenn wir
348
Ladiner zum Beispiel in der Mittelschule uns zu Wort gemeldet
349
haben dann sind wir meistens von der Schulklasse ausgelacht worden
350
weil wir eben falsch uns falsch ausgedrückt haben .. ja, das ist
351
von mir aus Ausland .. Mhm (...)
Weitere
Erzählpassagen berichten von der Sicht M53’s von nichtladinischen
Gebieten als “Ausland” (vgl. auch 310-312, 326-334) und einer
dezidierten Minderheitenmentalität als Ladiner von M53.
336
M53: Wenn du dich ausdrückst, dann wirst du zum Beispiel
337
diskriminiert weil es du bist ein Krautwalscher man merkt sofort
338
du bist kein Deutscher, und für manche, ähh krautwalisch und
339
walsch war ja damals ja sowieso auch politisch, ein Problem . und
340
dann natürlich schon auch die ganze Mentalität nicht? wir Ladiner
341
haben eine andere Mentalität als die . deutschsprachigen
342
Südtiroler ganz sicher . wir haben die Mentalität einer gesunden
343
normalen lebensfähigen Minderheit und die anderen sind . Mehrheit
344
die über andere (...)
Zu
einem Ende gedacht könnte man den Ursprung des Lerngegenstandes
“Ladiner” auch in den Themen
“Nicht-Bleiben-Dürfen” und “Aufstieg” erkennen,
denn ohne diese wäre das Ladinersein für M53 möglicherweise gar
nicht problematisch geworden.
M42:
zwischen Universitätsstudium und Berufseintritt
Das
erste Auftauchen des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes “
Selbst-
und Sozialkompetenz
”
als Lerngegenstand fällt in die Zeit des Übergangs vom
Universitätsstudium ins Berufsleben, nachdem M42 bei seiner
Assistententätigkeit an der Universität “auf den Geschmack
gekommen” ist (vgl. auch 388-405).
397
(...) und dann habe ich eigentlich gemerkt das ist meine das ist mein
398
Job dann habe ich äh begonnen mich gezielt auf diesen meinen
399
zukünftigen Beruf der Betriebsberatung auszubilden, habe einmal
400
eine komplette Ausbildung gemacht in als Trainer,
401
Kommunikationspsychologie äh äh nachgemacht äh dann eben eine
402
sugestopädische Ausbildung Rhetorikausbildung habe Praktikas eben
403
nochmals gemacht in der [Firma 1] draußen bei [Firma 2] (...)
Dabei
ist es nicht ganz leicht das Auftauchen dieses Lerngegenstandes eindeutig zu
fixieren, denn bevor M42 selbst diesen Lerngegenstand aktiv aufgreift,
dürfte er schon im Wirtschaftsstudium und in der Handelsschule wenigstens
in Elementen vorgekommen sein, also in einer gegenüber dem aktiven
Aufgreifen sozusagen passiveren Art gelernt worden sein. Dazu zählen auch
die im Rahmen der Organisation1 von M42 selbst organisierten Rhetorikkurse
(vgl. 373-374). Den Ursprung des erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstandes “Selbst- und Sozialkompetenz” kann man in der
Oberschulzeit verorten und dort etwa mit dem Motiv
“Führungsposition, Mittelpunktmensch, beeinflussen” und dem
korrespondierenden Thema “Hegemonie” fixiert werden. Daraus
entwickelt sich dann das Motiv “Leute überzeugen, verändern,
bewegen”.
Der
erwachsenenbildnerische Lehrgegenstand: “
Bildungs-
und Kulturmanagement
”
taucht als Lerngegenstand im lebensgeschichtlichen Interview nie auf. Als
Erwachsenenbildnerischer Lern- und Lehrgegenstand kann er als Ausweitung auf
benachbarte Gebiete gewertet werden. Die nähere Betrachtung dieses
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes zeigt ihn eigentlich als
Ableger des ersten erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes
“Selbst- und Sozialkompetenz” – was die “Ausweitung auf
benachbarte Gebiete” wiederum relativiert (vgl. 561-564). Die Frage nach
dem Ursprung des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes
“Bildungs- und Kulturmanagement” fällt also mit der Frage nach
dem Ursprung des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes
“Selbst- und Sozialkompetenz” zusammen.
HYPOTHESE
2: Der erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand hat eine wichtigere
biographische Funktion als andere formelle Lerngegenstände
Der
Fragestellung der lebensgeschichtlichen Einbettung der erwachsenenbildnerischen
Lern- und Lehrgegenstände kann auch mit der Frage nach der Wichtigkeit der
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstände konkretisiert werden.
Bedeutende (aus dem lebensgeschichtlichen Gespräch interpretierte) Themen
und Motive müßten dafür in deutlichem Zusammenhang mit den
Lern- und Lehrgegenständen stehen, d.h. eine wichtige biographische
Funktion haben. Hier wird nun postuliert, daß ein spezifischer Grund
für das Auftauchen des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes
in einer in der damaligen Lebensphase gegenüber andern formellen
Lerngegenständen wichtigeren biographischen Funktion liegt.
ERGEBNIS
Die
Hypothese, daß der erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand eine
wichtigere biographische Funktion als andere formelle Lerngegenstände hat,
die hat sich nicht bestätigt. Die Frage nach der größeren
Wichtigkeit des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes trifft die
Gegebenheiten offenbar nicht gut.
- Als
erstes Ergebnis kann hier deshalb schon einmal festgestellt werden:
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstände sind als formelle
Lerngegenstände nur bei einem von fünf beschriebenen
Lerngegenständen (M53: “religiöse Bildung”) eindeutig
wichtiger als andere formelle Lerngegenstände. In einer
größeren Wichtigkeit kann also auch kein Grund für das
Auftauchen der erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstände gesucht
werden. Folgende Gründe für diese Nichtbestätigung liegen vor:
andere formale Lerngegenstände sind im zeitlichen Umfeld des Auftauchens
des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes nicht vorhanden (W39:
“Keramik”), der Lerngegenstand ist unproblematisch oder
nebensächlich (W54: “Sprachlicher Bereich”,
“Pädagogischer Bereich”; M42: “Selbst- und
Sozialkompetenz”). Eine Beschreibung der Interviewten zum
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstand als Lerngegenstand fehlt bei
drei von acht untersuchten Lerngegenständen (M53: “Soziales,
“Ladiner”, M42: “Bildungs- und Kulturmanagement”). Nur
bei M53 läßt sich eine Auswahlsituation aus Lerngegenständen
feststellen, diese wird zugunsten des erwachsenenbildnerischen Lerngegenstandes
(“Religiöse Bildung”) entschieden.
Eine
mehr nuancierende Sichtweise auf die Wichtigkeit der biographischen Funktion
des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes bietet ein
differenzierteres Bild und ist hinsichtlich der Fragestellung der
lebensgeschichtlichen Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstände, die hier mit dem Beteiligtsein von bedeutenden Motiven
und Themen gleichgesetzt wird, fruchtbarer. Es hat sich dabei im Laufe der
Interpretation eine zeitliche Differenzierung der Lebensphase des Auftauchens
des Lerngegenstandes herauskristallisiert, die einmal nach den dramatischen
Ursachen im unmittelbaren zeitlichen Umfeld frägt und weiters, nach der
Umsetzung von früheren Themen und Motiven, die hereinwirken.
- Als
zweites Ergebnis ergibt sich nun daraus, daß im näheren zeitlichen
Umfeld des Auftauchens der erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstände als Lerngegenstand durchwegs keine eindeutig mit dem
Lerngegenstand zusammenhängenden dramatischen biographischen Ursachen
wirksam sind, nur bei einem von acht untersuchten erwachsenenbildnerischen
Lerngegenständen ist nicht dramatisches aber bedeutendes Geschehen
beteiligt (M53: “Religiöse Bildung”). Dramatisches
biographisches Geschehen ist mitunter sogar gleichzeitig (W54:
“Sprachlicher Bereich”) vorhanden, steht aber nicht mit dem
Lerngegenstand in einem Thema- oder Motivzusammenhang oder erscheint direkt
entkoppelt vom dramatischen Geschehen (W39: “Keramik”). Manchmal
ergibt sich also eher das gegenteilige Bild, d.h. sieben der acht untersuchten
Lerngegenstände tauchen beiläufig und ohne dramatischen Kontext auf ,
bzw. tauchen überhaupt nicht in der Erzählung auf (M53:
“Soziales”, “Ladiner”, M42: “Bildungs- und
Kulturmanagement”).
Das
Hereinwirken früherer wichtiger Themen bzw. die Verbindung mit wichtigen
Themen und Motiven ist in der ganzen Bandbreite von “kein Träger
biographischer Funktion” bis hin zur “wichtigeren biographischen
Funktion” festzustellen. So steht etwa das Auftauchen des
Lerngegenstandes “Sprachlicher Bereich” von W54 in keiner
Verbindung zu wichtigen Themen und Motiven. Zusammen mit dem Auftauchen des
Lerngegenstandes werden aber auch frühere Vorhaben realisiert (W39:
Ausbildungswunsch), neue Themen werden relevant (W39: Thema
“Lernen”, M53: Motiv “Aufstieg”), langwirksame Themen
werden fortgesetzt (W54: das Familientradition-Thema; M53: das
Lebenslaufmuster-Thema; M42: das Führungsposition-Motiv, das
Hegemonie-Thema) und lebensphasenspezifische Themen drücken sich aus (W54:
Motiv “fremdbestimmende Elternentscheidung im Jugendlichenalter -
verdeckte”).
- Als
drittes Ergebnis wird also festgestellt, daß die erwachsenenbildnerischen
Lerngegenstände bei seinem Auftauchen zwar nicht durchgehend von
biographischer Bedeutung sind, bei vier von fünf beschriebenen
Lerngegenständen läßt sich aber eine Verbindung zu wichtigen
Themen und Motiven herstellen.
W39:
Träger von biographischer Funktion - keine akute
Für
das Auftauchen des Lern- und Lehrgegenstandes
“Keramik”
als Lerngegenstand wird von W39 kein Grund genannt und es ist kein
unmittelbarer Grund interpretierbar. Es kann ein vorhandener Wunsch, sich mit
Kunst zu beschäftigen, aus dem nicht realisierten Wunsch die Kunstschule
zu besuchen (vgl. 74-75), angenommen werden. Dem Auftauchen des Lern- und
Lehrgegenstandes Keramik kann also dennoch biographische Bedeutung
zugeschrieben werden. Eine biographische Funktion im Sinne der Kontingenz von
bedeutenden interpretierten Motiven und Themen ist mit dem gleichzeitigen
Auftauchen des Oberthemas “Lernen” gegeben (vgl. 195-201u.
482-484), eine wichtigere biographische Funktion gegenüber anderen
formellen Lerngegenständen kann aber nicht festgestellt werden, zumal
keine anderen formellen und informellen Lerngegenstände zum Zeitpunkt des
Auftauchens des Lern- und Lehrgegenstandes Keramik vorhanden waren.
W54:
(1) kein Träger biographischer Funktion - keine akute (trotz dramatischem
Umfeld) (2) wichtigere biographische Funktion - keine akute
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
Sprachlicher
Bereich
”
hat zum Zeitpunkt seines Auftauchens als Lerngegenstand keine bedeutende
biographische Funktion (vgl. 150-158). Er liegt zwar nicht außerhalb der
in jener Lebensphase wichtigsten Erfahrungen von W54, als der am leichtesten
bewältigbare Lerngegenstand bei der Überstiegsprüfung in die
Mittelschule ist er in diese wichtigste Erfahrung involviert, unmittelbar mit
den Themen “(bei Prüfung) natürlich die Jüngste und
Kleinste (Jüngste sein)” und “ohne 5. Klasse gleich in die
(Aufholen)” und dem Leitmotiv “Leistung: Aufholen” ist er
aber nicht verbunden. In diesem Beteiligtsein liegt zwar auch der Grund
für das Auftauchen, aber wichtiger als andere formelle
Lerngegenstände ist der Lerngegenstand “Sprachlicher Bereich”
nicht.
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
Pädagogischer
Bereich
”
hat ebenfalls zum Zeitpunkt seines Auftauchens als Lerngegenstand (vgl.
197-201) keine akute biographische Funktion, ist aber bedeutend für
wichtige Themen und Motive; in diesem Sinne ist er wichtiger als andere
Lerngegenstände. Das Thema “alles Lehrer (Familientradition)”
bzw. Oberthema “Ursprungsfamilie: mit Berufstradition, Dominanz von
Bildung und Schule” erfährt mit dem Eintritt von W54 in die
Lehrerbildungsanstalt einen weiteren Schritt seiner kontinuierlichen Wirkung
und Umsetzung. Das beginnt mit der Familienberufstradition Lehrer.
21
(...) ich bin äh stamme aus einem Elternhaus, wo eigentlich
22
schon Bildung oder die die der Kontakt mit Bildung vorgegeben war,
23
beide Eltern sind Lehrer gewesen, und eigenartigerweise äh stammen
24
auch beide Eltern schon aus äh . Lehrerfamilien, sodaß auch beide
25
Großväter schon äh jahrzehntelang waren die im Schuldienst
tätig (...)
Diese
Thema setzt sich fort im frühen Berufswunsch Lehrerin.
85
(...) und für mich persönlich ist es
86
eigentlich schon sehr früh festgestanden, oder ich hab’ mir
87
überhaupt nie Probleme gemacht was ich einmal werden sollte es war
88
für mich einfach schon von kleinauf ganz klar, daß ich einmal
89
Lehrerin werden wollte, zumindest etwas im pädagogisch-
90
erzieherischen Bereich äh vielleicht Kindergärtnerin hätte mir
91
auch ganz gut gefallen, aber eher fühlte ich mich schon immer so
92
zum Lehrdienst hingezogen also ist für mich überhaupt nie eine
93
Frage gewesen ob ich irgendetwas anderes etwa (lautes Ausatmen)
94
Ärztin oder mein oder was eben damals für Möglichkeiten gab ich
95
hab immer schon klipp und klar gewußt ich werde einmal Lehrerin
96
werden, das hab’ ich mir am ehesten zugetraut und da hab’ ich
äh
97
genügend Möglichkeiten gehabt das abzuschauen um eben zu sagen ja
98
das tät’ mich freuen (...)
Dann
setzt sich das Thema “alles Lehrer (Familienberufstradition)” fort
im Eintritt in die Lehrerbildungsanstalt und danach im Lehrerinwerden (vgl.
250-254 ), im Studium der Pädagogik (vgl. 508-509), im Ergreifen des
Lehrberufs aller ihrer Geschwister (vgl. 103-104) und im Heiraten eines Lehrers
(vgl. 467). Neben diesem wichtigen Thema steht das Auftauchen des
Lerngegenstandes “Pädagogischer Bereich” auch noch im
Zusammenhang mit dem Motiv “fremdbestimmende Elternentscheidungen im
Jugendlichenalter - verdeckte”, war doch die Entscheidung für die
Lehrerbildungsanstalt eine Entscheidung nur der Eltern, wogegen W54 aber
scheinbar nichts einzuwenden hatte.
198
(...) haben die Eltern entschieden, daß doch es
199
sinnvoller wäre äh .. eigenartigerweise uns beide, wiederum, es
200
geht wiederum um diese äh äh ältere Schwester, uns beide an die
201
Lehrerbildungsanstalt zu schicken . äh einerseits, weil das . mich
202
eher zu meinem Berufsziel geführt hat, ich wollte nämlich immer
203
Lehrerin werden, und zum anderen weil damals meine Schwester in
204
der Oberschule in der sie eingeschrieben war eigentlich äh weniger
205
erfolgreich war, und weil sie gesehen haben daß sie vielleicht
206
über meinen Einsatz da doch auch irgendwo mit daß ich ihr so als
207
Zug pferd dienen könnte (...)
Ähnlich
frei von Kritik an den Eltern nimmt W54 einige Jahr später deren
Entscheidung, sie aus der Bergschule zu nehmen, hin. Bedauernd festgestellt
wird nur die Freude am Unterrichten in der Bergschule (vgl. 247-263).
Möglicherweise liegt der Grund für die große Akzeptanz dieser
fremdbestimmenden Elternentscheidungen in der von W54 vermiedenen Opposition
den Eltern gegenüber, denn – wie hier weiters postuliert wird
– speziell der Vater wurde von W54 als Schiedsrichter im über
Leistung ausgetragenen Konkurrenzkampf mit der älteren Schwester
gebraucht. Deshalb wurde auch an der Familienberufstradition nicht
gerüttelt, trotz des vorhandenen Impulses dazu, wie das obige Zitat auch
zeigt: “(lautes Ausatmen) Ärztin”.
M53:
wichtigere biographische Funktion - leicht akute
Der
unmittelbare Grund für das Auftauchen des erwachsenenbildnerischen Lern-
und Lehrgegenstandes als Lerngegenstand “
Religiöse
Bildung
”
liegt in der Notwendigkeit der Ausbildungswahl, die sich aus dem Wunsch von M53
ergibt, weiter die Schule zu besuchen.
511
(...) bei der Matura, ist es so gewesen nicht? es ist
512
zunächsteinmal war eben die große Sorge ob ob ich überhaupt
sagen
513
wir die Matura schaffe weil, ich habe die Matura nicht im [Schule
514
1] gemacht sondern in [Stadt 2], bei einer öffentlichen Schule wo
515
ich auch nicht die Lehrpersonen gekannt habe auf alle Fälle, das
516
Risiko eingegangen, ich ich war der Meinung ich mache die die
517
Staatsmatura damit ich dann äh frei entscheiden kann was ich mache
518
weil mit der [Schule 1]matura hätte man nicht können an die
519
Universität gehen oder so nicht? (...)
Dieser
Wunsch nach weiterem Schulbesuch weißt auf den von M53 angestrebten
Aufstieg hin (Motiv “Aufstieg”); ein Aufstieg, der durch Bildung
geschieht und durch das Annehmen von Angeboten. Bei der Auswahl des Ausbildung
befindet sich der Lerngegenstand “Religiöse Bildung” in
Konkurrenz zu potentiellen anderen formellen Lerngegenständen, wird aber
dann den anderen formellen Lerngegenständen bevorzugt.
86
(...) und dann mit der
87
Staatsmatura dann überlegt was ich . machen könnte, für mich
88
persönlich so habe ich Interesse gehabt so vielleicht an, an
89
Sprachen, und vor allem an Unterricht, dann war eben das Problem
90
soll ich da, Lehrer werden oder, und, nicht ungern habe ich
91
studiert dann habe ich mir gedacht jetzt weiterstudieren tue ich
92
auf alle Fälle und dann schließlich und endlich habe ich mich dann
93
entschieden . ins Priesterseminar, wenigstens zu anzufangen mit
94
Philosophie, ja dann habe ich zwei Jahre Philosophie gemacht dann
95
hat es mir recht gut gepaßt habe auch Theologie gemacht(...)
Der
Grund für die Entscheidung für diesen Lerngegenstand ist im Thema
“Studierengehen = Lebenslaufmuster für Exilladiner” zu suchen.
Die Wahl des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes
“Religiöse Bildung” ist also eindeutig biographisch motiviert,
was auch daran zu erkennen ist, daß es zuersteinmal nicht der Inhalt des
Lerngegenstandes war, er den Ausschlag gab. Eher scheint sich M53 für
diese Berufswahl im lebensgeschichtlichen Interview zu rechtfertigen.
547
(...) ich habe nie nichts gegen Priester oder
548
Priesterberuf gehabt mich hat das auch immer ein bißchen
549
irgendwie, so gedacht das wäre auch eine Tätigkeit der ich
550
nachgehen könnte (...)
Der
Entscheidungsprozeß für diesen Beruf ist auch nach dem Einstieg ins
Priesterseminar ein prolongierter.
590
(...) die Entscheidung ist
591
eine Entscheidung die nicht von heute auf morgen kommt sondern
592
sich jahrelang dahinzieht, wo man selber dann auch die Möglichkeit
593
hat in Ehrlichkeit zu sagen, paßt mir das später auch oder auch
594
nicht und was hat das für Folgen für mich und auch nicht (...)
Zwei
Momente für diese nicht so einfache Entscheidung für den Beruf des
Priesters dürfen dabei eine Rolle gespielt haben. Erstens eine
Auseinandersetzung vom M53, ob er dem vorgegebenen Lebenslaufmuster folgen oder
davon ausbrechen soll (Oberthema “von Ausfüllen / Rechenschaft zu
erfinden / Eigenverantwortlichkeit”), aber auch die oben zitierte
Rechtfertigung für den Priesterberuf könnte weniger eine
Rechtfertigung vor dem Interviewer gewesen sein, als ein Rechtfertigung vor dem
eigenen Nichtausbrechen aus dem vorgegebenen Lebenslaufmuster. Der zweite Grund
für die Umständlichkeit der Entscheidung dürfte ein Lernen aus
der ersten wichtigen Entscheidungssituation, dem Zustimmen zum
Mittelschulbesuch in Stadt1 (ungefähr im 13. Lebensjahr), gewesen sein.
Diese erste Entscheidung mußte M53 uninformiert über die für
ihn belastenden Folgen treffen (Motiv “ich habe nicht gewußt, was
das heißt jetzt”), weshalb M53 bei dieser zweiten wichtigen
Entscheidung der Ausbildungswahl nun besonders bedacht vorgeht (Motiv
“Übergang, betont müheloser (= potentiell
mühevoller)”).
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand: “
Soziales”
hat einen interpretierbaren Ursprung in der von M53 wahrgenommenen sozialen
Benachteiligung, wird aber nie als Lerngegenstand beschrieben, obwohl
anzunehmen ist, daß die Christliche Soziallehre, auf die sich M53
bezieht, Teil der Priesterausbildung gewesen sein dürfte. Im Rahmen der
Priesterausbildung werden aber nur andere Lerngegenstände benannt (vgl.
554-557), ebenso im Rahmen der Soziologiestudiums. Die Christliche Soziallehre
wird von M53 erst im Zusammenhang mit der Tätigkeit als
Diözesanassistent relevant (Motiv “Christliche Soziallehre”),
einer Lebensphase also, in der M53 eigenständiges Lernen betreibt (vgl.
110-116), bzw. Weiterbildungsveranstaltungen besucht. Deshalb ist es
möglich, daß sie erst in dieser Lebensphase zu einem bedeutenden
Lerngegenstand wird. Für den erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstand “
Ladiner”
gilt was gerade zum Lerngegenstand “Soziales” bemerkt wurde, er
scheint als Lerngegenstand nicht auf. Als eine Phase des möglichen Lernens
an diesem Gegenstand kann das Soziologiestudium gewertet werden. Die
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstände “Soziales”
und “Ladiner” stellen eine “Ausweitung der
erwachsenenbildnerischen Lehrtätigkeit auf benachbarte Gebiete” dar
(siehe die entsprechende Hypothese 15).
M42:
Träger von biographischer Funktion - keine akute
Der
Grund für das Auftauchen des erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstandes “
Selbst-
und Sozialkompetenz
”
als Lerngegenstand liegt im Übergang vom Studium zum Beruf. Dieser
Übergang und die dabei gefallenen Berufs- und Weiterbildungsentscheidungen
verlaufen undramatisch, weshalb dem erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstand “Selbst- und Sozialkompetenz” bei seinem Auftauchen
als Lerngegenstand keine akute biographische Funktion zukommt. Da parallel dazu
keine anderen Lerngegenstände vorkommen, kann er als wichtiger
Lerngegenstand bezeichnet werden, der aber nicht wichtiger ist als andere
Lerngegenstände (vgl. 396-405). Wenn nun der Lerngegenstand “Selbst-
und Sozialkompetenz” auch nicht eindeutig dominant ist, so nimmt er doch
bedeutende Themen und Motive auf: das Motiv “Führungsposition,
Mittelpunktmensch, beeinflussen” und das korrespondierende Thema
“Hegemonie” (Oberthema “(unbedingt) gehört werden
wollen”). In der Oberschulzeit kommt dieses Thema u.a. so zum Ausdruck:
153
(...) das ist
154
soweit gegangen daß ich dann in der fünften Klasse war ich dann
155
effektiv äh Studentenführer im Klassenrat im Schulrat im
156
Disziplinarrat und habe eigentlich äh es soweit getrieben daß ich
157
äh daß wir zu fünft im Grunde bestimmt haben was in der
158
Handelsschule in [Stadt 1] zu passieren hat also der Direktor hat
159
mich mit Kollege angesprochen, soweit habe ich es getrieben (...)
UNTERPUNKT:
Entwicklung
Nach
der Phase des Auftauchens des erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstandes als Lerngegenstand soll hier seine weitere Entwicklung bis hin
zum Einstieg des Erwachsenenbildners in die Erwachsenenbildung nachgezeichnet
werden.
ERGEBNIS
- Die
Hypothese 3 über die Qualitätsverbesserung des
erwachsenenbildnerischen Lerngegenstandes kann als bestätigt betrachtet
werden, alle von den Interviewten beschriebenen erwachsenenbildnerischen
Lerngegenständen wurden vertieft gelernt, und zwar durchwegs in einer
aktiven und bewußten Art.
- Auch
die diesem Unterpunkt implizite Annahme, daß nämlich zwischen dem
Auftauchen des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes als
Lerngegenstand in der Biographie und dem Beginn der Tätigkeit als
ErwachsenenbildnerIn ein Entwicklung (in Form einer Qualitätsverbesserung)
liegen muß, und nicht etwa der Einstieg in die
Erwachsenenbildungstätigkeit direkt möglich ist, scheint somit
bestätigt. Wenn allerdings jene 3 Lerngegenstände , die in den
Erzählungen der Interviewten nicht vorkommen, mit berücksichtigt
werden, dann zeigt sich, daß erwachsenenbildnerische Lehrgegenstände
auch auftauchen können, ohne in lebensgeschichtlichen Erzählungen
erwähnt zu werden. Eine Qualitätsverbesserung im Status des
Lerngegenstandes scheint also nicht bei allen erwachsenenbildnerischen
Lehrgegenständen nötig zu sein. Die Relevanz dieser
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstände scheint als
Lerngegenstand eher gering gewesen zu sein. Diese drei unerwähnten
Lerngegenstände haben weiters zwei Merkmale: Zum einen tauchen sie nicht
in der Anfangsphase der erwachsenenbildnerischen Tätigkeit auf, sondern
erst beim sich schon professionell entfalteten Erwachsenenbildner direkt als
Lehrgegenstände (der genaue Zeitpunkt des Auftauchens ist bei M53:
“Soziales”, “Ladiner” allerdings nicht bekannt), und
zweitens haben sie meist einen gewissen additiven Charakter, sie sind eine
Erweiterung der Inhalte. Siehe dazu auch Hypothese 15 “Ausweitung auf
benachbarte Gebiete”.
- Bezogen
auf die biographische Funktion des erwachsenenbildnerischen Lerngegenstandes in
dieser Phase der Entwicklung zeigt sich, daß der Lerngegenstand aus
biographisch wichtigen Ereignissen (Krise) direkt ausgeklammert erscheint (W39:
“Keramik”) oder umgekehrt auch eine starke Einwirkung in Form eines
Impulses zur Weiterbildung auf den Lerngegenstand haben kann (M42:
“Selbst und Sozialmanagement”).
HYPOTHESE
3: Qualitätsverbesserung des Lerngegenstandes
Der
einmal aufgetauchte Lerngegenstand, der später dann
erwachsenenbildnerischer Lehrgegenstand sein wird, muß eine Entwicklung
im Sinne einer Qualitätsverbesserung durchgemacht haben, er muß
vertieft gelernt worden sein, um gelehrt werden zu können. Diese
Verbesserung des Wissens- und Fähigkeitsstandes wird hier eher als
bewußt und aktiv angegangenes Lernverhalten postuliert.
ERGEBNIS
Zu
fünf von acht untersuchten erwachsenenbildnerischen Lerngegenständen
haben die Interviewten in den lebensgeschichtlichen Gesprächen
erzählt (es fehlen M53: “Soziales”, “Ladiner”; M42
“Bildungs- und Sozialmanagement”).
- Als
erstes Ergebnis kann festgestellt werden, daß alle diese fünf
erwachsenenbildnerischen Lerngegenstände nach ihrem Auftauchen vertieft
gelernt wurden. Unterschieden werden kann dabei zwischen drei
Lerngegenständen, die aus eigenem Anlaß informell (W39:
“Keramik”; W54: “Pädagogischer Bereich”) oder
formell durch Weiterbildung oder Universitätsstudium (M42: Selbst und
Sozialkompetenz”; W54: “Pädagogischer Bereich”) vertieft
gelernt wurden, und drei erwachsenenbildnerischen Lerngegenständen, die
(formell) in weiterführenden Schulen vertieft gelernt wurden (W54:
“Sprachlicher Bereich”, “Pädagogischer Bereich”,
M53: “Religiöser Bereich”).
- Als
zweites Ergebnis kann festgestellt werden, daß die Verbesserung des
Wissens- und Fähigkeitsstandes bei drei Lerngegenständen als aktiv
und bewußt angegangen zu beschreiben ist (W39: “Keramik”;
“W54: “Pädagogischer Bereich”; M42: “Selbst- und
Sozialkompetenz”) und bei einem Lerngegenstand (M53:
“Religiöser Bereich”) als reflektiert / bewußt zu
beschreiben ist. Ein Lerngegenstand ist als eher passiv im Rahmen einer
weiterführenden Schule gelernt zu beschreiben (W54: “Sprachlicher
Bereich”).
- Daß
dieses vertiefte Lernen des erwachsenenbildnerischen Lerngegenstandes eine
Qualitätsverbesserung, eine Verbesserung des Wissens- und
Fähigkeitsstandes bewirkt, ist keiner Aussage aus den Interviews direkt zu
entnehmen. Daß es sich dabei aber um eine Qualitätssteigerung und um
eine Verbesserung des Wissens- und Fähigkeitsstandes handelt, kann wegen
der aktiven und bewußten Art des Lernens bei vier von fünf
Lerngegenständen und durch den hohen Stand der Fähigkeiten im
einzigen passiv angegangenen Lerngegenstand (W54: “Sprachlicher
Bereich”) mit Sicherheit interpretiert werden.
W39:
Qualitätsverbesserung; unmotivierte; aktive
Der
Lern- und Lehrgegenstand “
Keramik”
hat eine Entwicklung im Sinne einer Vertiefung erfahren.
125
und in der
126
[Gegend2] da habe ich dann richtig angefangen ah . nur mehr mich auf
127
Keramik zu konzentrieren . dann habe ich dort einmal von
128
verschiedenen Personen . Verschiedenes gelernt
Dieses
“Lernen” scheint W39 bewußt und aktiv angegangen zu sein.
Diese Hypothese der Qualitätsverbesserung bestätigt sich hier, wenn
auch keine Gründe für diese Qualitätssteigerung genannt sind.
Der Lern- und Lehrgegenstand steht auch nicht im Zusammenhang des zum Zeitpunkt
seines Auftauchens noch nicht aktuellen aber inzwischen aktuell gewordenen
Themas “meine Nervenkrisen”, denn es fällt nicht unter die bei
W39 ausfindig gemachten Krisenbewältigungsmechanismen. Wenn man also die
obige Hypothese der größeren Wichtigkeit des Lern- und
Lehrgegenstandes über den Zeitpunkt des Auftauchens hinaus verfolgte, dann
muß man feststellen, daß der Lern- und Lehrgegenstand zum Zeitpunkt
seines Auftauchens zwar für das wichtige Oberthema Lernen stand, in dieser
Phase aber nicht die wichtigste biographische Funktion hat, sondern sozusagen
“nebenherläuft”. Die in dieser Phase wichtigsten Themen sind
“meine Nervenkrisen” und “Krisenbewältigung”.
Exkurs:
begleitende Theorieelemente
Im
Zusammenhang mit dem Thema “Krisenbewältigung” bzw. der
Krisenbewältigungsmethoden Wandern, Naturbeobachtung und Interesse
für Geschichte läßt sich ein mit dem Thema
“Ästhetik” identisches “Lernprojekt Erwachsener”
(SCHRATZ 1993) beschreiben (wenn auch nicht ganz sicher ist, ob dabei das
Kriterium der aktiven und organisierten Lernens genügend erfüllt ist).
W54:
Qualitätsverbesserung; nicht lehremotiviert; (1) passiv / schulische (2)
auch aktive
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
Sprachlicher
Bereich
”
als konkreter Lerngegenstand
Deutsch
hat keine erkennbare aktiv angegangen Entwicklung durchgemacht. Als
Lerngegenstand, in dem W54 sich weiterhin talentiert und über die deutsche
Sprache hinaus kompetent weiß (vgl. 217-220), ist er unerwähnter
Lerngegenstand der Lehrerbildungsanstalt – und nicht mehr. Allerdings
erfüllt dieses nicht weiters ambitionierte Verfolgen dieses
Lerngegenstandes im Rahmen der Lehrerbildungsanstalt von alleine jene
Qualitätsverbesserung, die er zur Entwicklung zu einem
erwachsenenbildnerischen Lehrgegenstand braucht. Der konkrete Lerngegenstand
Deutsch wird dann als erstes ein erwachsenenbildnerischer Lehrgegenstand
werden, und erst im Zuge einer Ausweitung der Erwachsenenbildungstätigkeit
von W54 wird der erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand
“Sprachlicher Bereich” wieder Lerngegenstand werden.
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
Pädagogischer
Bereich
”
macht als Lerngegenstand eine starke und intentionale
Qualitätsverbesserung durch, die vorerst aber nicht auf eine Umsetzung in
der Erwachsenenbildung zielt. Dieser Lerngegenstand begann als Besuch der
Lehrerbildungsanstalt. Schon zu dieser Zeit war ein zusätzliches Interesse
an diesem Bereich vorhanden.
273
(...) ich eigentlich schon während meiner Studienzeit, und äh immer
274
intensiver, mich eigentlich auch als Hobby so mit psychologischer,
275
mit pädagogischer Lektüre befaßt hab’ überall wo
ich eine Zeitung
276
erwischt hab’ und etwas in dieser Richtung gestanden hat, hab’ ich
277
mir das gelesen oder ausgeschnitten, also äh daß das nicht so sehr
278
Studium sondern einfach schon Interesse, Motivation war (...)
Aus
dem Besuch der Lehrerbildungsanstalt ergaben sich für W54 dann die
Tätigkeit der Volksschullehrerin in einem Bergdorf und anschließend
eine Tätigkeit in einer Verwaltungsstelle der Schulbehörde. Nun wurde
der Weiterbildungswunsch akuter und W54 absolviert berufsbegleitend ein
Universitätsstudium im Fach Pädagogik und Literatur.
326
(...) bin’s aber dann angegangen und so hab’ ich immer, im
Alleingang,
327
ohne Unterstützung von irgendeiner Hochschülerschaft oder von ich
328
hab’ mir alle äh auch organisatorischen äh Notwendigkeiten immer
329
alleine erfüllt, hab’ auch kaum zu jemand anderem was gesagt wenn
330
wieder eine Prüfung fällig war, und hab eigentlich in relativ,
331
sagen wir für diese Verhältnisse hab’ ja nebenher immer
332
unterrichtet, für diese Verhältnisse eigentlich in relativ .
333
kurzer Zeit das abgeschlossen . ja Promotion
334
neunzehnneunundsechzig (...)
Dieser
Universitätsbesuch findet parallel oder zeitlich gedrängt
hintereinander zu andern Tätigkeiten von W54 statt, wie es in den Themen
“X abgeschlossen und gleich Y, noch nebenbei” und
“versteckter Aufstieg” erfaßt ist: parallel zur ersten
Erwachsenenbildnerintätigkeit (Deutsch für Italienische
Staatsangestellte), parallel zum Besuch des Lehrgangs für
Grundschuldirektoren und auch parallel zum Erreichen der Lehrbefähigung
für die Mittelschule (später dann auch für die Oberschule). Hier
wird nun postuliert, daß dieses Aufsteigen erst aufgrund der Erfahrung
des Überholens der älteren Schwester möglich geworden ist, und
weiter angetrieben wird durch eine nun nicht mehr zielgerichtete, d.h. auf eine
Person gerichtete Konkurrenz. Wichtig sind bei dieser Konkurrenz männliche
Mentor-Figuren, die in der Erzählung meist zu Beginn von neuen Vorhaben
als Bestärkter von Entschlüssen auftauchen, Thema
“männliche Übergangs- / Berufseinstiegsmentoren”.
M53:
Qualitätsverbesserung; passiv / schulische, reflektierte
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
Religiöse
Bildung
”
wird als Lerngegenstand im Rahmen des Priesterseminars zur Lehrfähigkeit
weiterentwickelt. Das vertiefte Lernen ist also Teil der formellen Ausbildung
und braucht nicht eigens von M53 initiiert werden. Das Lernen am
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstand ist ein reflektiertes.
92
(...) und dann schließlich und endlich habe ich mich dann
93
entschieden . ins Priesterseminar, wenigstens zu anzufangen mit
94
Philosophie, ja dann habe ich zwei Jahre Philosophie gemacht dann
95
hat es mir recht gut gepaßt habe auch Theologie gemacht, habe mich
96
dann später auch entschieden Priester zu werden (...)
Die
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstände “
Soziales”
und “
Ladiner”,
deren Ursprung nachvollziehbar ist (Benachteiligungssituationen in der
Kindheit), und die nie als Lerngegenstand von M53 direkt genannt werden,
stellen eine Ausweitung der Erwachsenenbildungs-Lehrtätigkeit dar (siehe
entsprechende Hypothese 15).
M42:
Qualitätsverbesserung; biographische, nicht lehremotivierte; aktive
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
Selbst-
und Sozialkompetenz
”
wird als Lerngegenstand von M42 aktiv weiterentwickelt. Es handelt sich dabei
sehrwohl um ein bewußtes und aktiv angegangenes Lernverhalten,
ungewiß ist allerdings, ob es an dieser Stelle für M42 vor allem um
seine auf den Gegenstand bezogene Lehrkompetenz gegangen ist, vielmehr scheint
diese Weiterbildung durch den für M42 biographisch wichtigen
Firmenzusammenbruch seines Vaters ausgelöst worden zu sein, auf den sich
M42 auch im folgenden Zitat bezieht.
456
(...) das hat meinen
457
beruflichen Werdegang auch insofern geprägt als daß ich in
458
Südtirol auch kaum eine Chance gehabt habe zu arbeiten, weil alle
459
gesagt haben [M42-Nachname] was willst denn du deinem Vater hast
460
ja selber nicht geholfen und jetzt willst Berater sein, bin dann
461
viel ins Ausland gegangen, als Berater, habe mir dort eigentlich
462
meine ersten Erfahrungen gesammelt, habe mich weitergebildet, ähh
463
eben einmal rein fachlich, äh in meinem Bereichen
464
Unternehmensführung Organisation äh Marketing Verkauf
465
Kostenrechnung Kontrolling und Qualitätsmanagement in diesen
466
Bereichen habe ich mich immer weitergebildet und habe auf der
467
Parallelebenen eine Gesamtausbildung gemacht äh in äh ja
468
Weiterbildung in alles was mit Kommunikation zu tun hat,
469
Persönlichkeitsentwicklung Kommunikationsphilosophie habe mich
470
eben stark mit Philosophien vom Watzlawick auseinandergesetzt (...)
Interessant
ist dabei auch die im Thema “Schritt für Schritt”
festgehaltene Veränderung der Art des Angehens von Neuem in dieser
Lebensphase von M42. Zwischen dem “Gunst gewinnen, des Vaters, als
Jüngster” (Thema) bis zum Firmenzusammenbruch seines Vaters
dominiert in Oberschule und Universität quasi ein Dahinstürmen, etwa
beim Maturaball (vgl. 252-257) oder an der Universität.
317
(...) dann bin ich auf die Universität raus äh und dort
318
das war ja immer mein Ziel das habe ich ja schon in der
319
Mittelschule entschieden, und dort habe ich einen Durchgemarsch
320
Durchmarsch gemacht von dreieinhalb Jahren also in dreieinhalb
321
Jahren habe ich fertig gehabt und habe ein halbes Jahr gewartet,
322
äh bis ich die letzte Prüfung habe machen dürfen und in dieser
323
Zeit, habe ich dann freier Mittarbeiter am [Universitätsinstitut 1]
324
angefangen, und äh habe äh dann äh nachdem ich dann die letzte
325
Prüfung gemacht habe war ich ja auch äh Studienassistent, an der
326
Universität, im zweiten Studienabschnitt habe ich dann mit einem
327
anderen Kollegen die [Organisation 1] gegründet das ist die
328
[Organisation 1 - voller Name] (...)
Ab
dem Firmenzusammenbruch seines Vaters, der von M42 aber fast als Sieg über
die Familienmitglieder beschrieben wird (vgl. 416-450), wird Neues von M42
nicht mehr mit dem Elan wie bisher angegangen (vgl. 483-486). Es scheint als ob
M42 nun nicht mehr diesen sicheren Boden unter den Füßen hat.
Theorie und Methodik wird erst in dieser Lebensphase für M42 relevant
(Thema “Theorie”), Theorie und Methodik von meist inzwischen
wiederum verstorbenen Vaterfiguren (vgl. 494-508).
UNTERPUNKT:
Lernstil, Didaktik
Die
bisherigen Hypothesen haben den Lerngegenstand nach seinen inhaltlichen
Aspekten befragt. Hier soll nun das “Wie” des Lernens des
Lerngegenstandes untersucht werden. Dabei wird das Augenmerk auf den Lernstil
des späteren Erwachsenenbildners gelegt und auf den Lehrstil, der Didaktik
des Lehrenden, in welche eingebettet dieses Lernen stattgefunden hat.
ERGEBNIS
Der
Lernstil erweist sich als typisch für jeden einzelnen Erwachsenenbildner
und als solcher klar biographieabhängig und aus der Biographie heraus
erklärbar. Zu diesen Lernstilen werden “passende” Lehrstile
beschrieben. Methodenbedingt wurden aber keine differenzierend bewerteten Lern-
und Lehrstile geschildert. Als Gemeinsamkeiten der Lernstile läßt
sich eine grundsätzliche Lernbereitschaft der zukünftigen
ErwachsenenbildnerInnen erkennen und die Fähigkeit (auch) selbständig
zu lernen – irgendeinmal in der Biographie wird Lernen deutlich relevant
und bleibt dann auch weiterhin relevant. Zwei von vier ErwachsenenbildnerInnen
zeigen erst ein späteres (im dritten Lebensjahrzehnt) Relevantwerden bzw.
Wieder-Relevantwerden des Lernens. Die Beziehung zu den Lehr-Personen ist
wiederum sehr persönlichkeitsabhängig was Nähe, Distanz,
Konflikthaftigkeit, (Nicht-) Autoritätshaftigkeit der Beziehung angeht.
Frühe Relevanz von Lehrpersonen schon in der Kindheit findet sich bei drei
der untersuchten ErwachsenenbildnerInnen, wobei entweder ein oder beide
Elternteile Volksschullehrer waren oder Lehrer als wichtige Lernförderer
auftraten – Stichwort “Buchklima”.
HYPOTHESE
4: positiver Lernstil ist biographieabhängig
Hier
wird postuliert, daß ein als positiv empfundener Lernstil, der
eingebettet in einen als positiv empfundenen Lehrstil / Didaktik stattgefunden
hat, stark mit der Persönlichkeit des Erwachsenenbildners, also auch
dessen Biographie (in der sich diese Persönlichkeit niederschlägt) zu
tun hat. Dies soll im Vergleich von erfahrenen unterschiedlich bewerteten
Lernstilen geklärt werden. Weiters wird angenommen, daß der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand in einem solchen positiv
empfundenen Lernstil gelernt wurde.
[25]
ERGEBNIS:
- Die
Frage nach den vom einzelnen Erwachsenenbildner unterschiedlich erfahrenen
Lernstilen ist nicht recht “passend”, sie trifft die Realität
der interpretierten Erzählungen nicht. Zwar läßt sich bei drei
der vier untersuchten ErwachsenenbildnerInnen unterschiedliches Lernverhalten
in verschiedenen Lebensphasen unterscheiden, eine differenzierende Bewertung
dieses Lernverhaltens durch die Interviewten läßt sich aber kaum
erkennen. Folgedessen lassen sich auch nicht gut vom Interviewten erfahrene
positive Lernstile von negativen Lernstilen unterscheiden.
Der
Grund dafür liegt sicher auch in der Ausrichtung der geführten
narrativen Interviews, die nicht themenzentriert, sondern offen-biographisch
geführt wurde. Damit lassen sich vor allem Relevanzen feststellen, und
diese zeigten sich in der Darstellung jeweils nur eines für den einzelnen
Interviewten typischen Lernstils, innerhalb von dem Variationen von
Lernverhalten vorkommen. Es zeigen sich auch die für den einzelnen
Interviewten lern-relevanten Lebensphasen. W39 charakterisiert sich durch ein
betont eigenständiges Lernen, das erst im frühen Erwachsenenalter
zusammen mit dem erwachsenenbildnerischen Lerngegenstand relevant wird. Lernen
bezieht sich bei W39 auch fast ausschließlich auf den
erwachsenenbildnerischen Lerngegenstand. W54 berichtet von einem sehr
selbständigen, intensiven (leistungsbezogenen), selbstgewollten und als
solches schon früh, in der Volksschule, relevant gewordenem Lernen.
Dementsprechend sind nicht nur auf die erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstände bezogene Lernsituationen beschrieben. Die frühe
Relevanz des Lernens trifft auch auf M53 zu, der noch mehr nicht auf die
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstände bezogene
Lernsituationen beschreibt. Der Lernstil von M53 fluktuiert zwischen einem
eigenständigen, selbstverantwortlichen, selbstreflexiven und einem
autoritäts- und organisationsbezogenen (in dem Leistungskriterien nicht
sehr relevant sind). M42 wiederum ist in seiner späten Relevanz des
Lernens noch auffälliger als W39, da für ihn Lernen erst nach dem
Universitätsstudium relevant (bzw. neuerlich und definitiv relevant) wird
und wiederum mit dem Auftauchen des erwachsenenbildnerischen Lerngegenstandes.
Sein Lernstil charakterisiert sich durch ein anforderungsorientiertes,
eigenständiges und qualifikationszentriertes Lernen mit kurzen Abstechern
in die Selbstreflexion.
- Mit
der Feststellung dieses für den einzelnen Interviewten typischen Lernstils
kann aber auch die zentrale Aussage dieser Hypothese (reduziert um die
weggelassene Positiv-negativ-Bewertung der Interviewten) über die
Biographieabhängigkeit (Persönlichkeitsabhängigkeit) des
Lernstils als bestätigt deklariert werden: der jeweils typische Lernstil
läßt sich ausführlich mit Themen und Motiven aus der Biographie
in Verbindung bringen. Noch besser bringen oft die Erzählungen der
entsprechenden Lehrstiele diese Persönlichkeitsabhängigkeit zum
Ausdruck.
- Als
Gemeinsamkeiten dieser für den einzelnen Erwachsenenbildner typischen
Lernstile lassen sich eine grundsätzliche Lernbereitschaft der
zukünftigen ErwachsenenbildnerInnen erkennen und die Fähigkeit zu
einem selbständigen Lernen, wobei Lernen bei jeweils zwei
ErwachsenenbildnerInnen schon in der Kindheit eine deutliche biographische
Relevanz hat und bei zwei diese Relevanz erst im dritten Lebensjahrzehnt
erhält.
- Was
den Lehrstil / die Didaktik betrifft, in die diese Lernstile eingebettet waren,
werden gleich wie bei den Lernstilen von den Interviewten nicht mehrere
Lernstile beschrieben, sondern der jeweils relevante, der in einem
Komplementärverhältnis zum Lernstil paßt. In der Beziehung zu
den Lehr-Personen kommt die Persönlichkeit wiederum stark zum Ausdruck.
W39‘s betont eigenständiges Lernen findet im laissez faire-Lehrstil
des Keramiklehrers statt, W54‘s intensives Lernen entstand im
“Buchklima” der Ursprungsfamilie und wird gekrönt vom
kurzfristigen persönlichen Unterricht des Vaters und Lehrers, M53
erscheint im Unterschied zu W39 und W54 in einer durchgehenden Begleitung durch
seine Lehrer, die Autoritäten sind, während M42 ein ambivalentes und
konfliktreiches Verhältnis zu diesen Autoritäten hat, bis er sie sich
schließlich als Lehrer herholt.
W39:
spät relevantgewordenes, betont eigenständiges
(=persönlichkeitskohärentes) Lernen
Die
Darstellung von Lernsituationen und der Lehrsituation, in der Lernen
stattgefunden hat, beginnt in der Erzählung von W39 erst mit dem
Auftauchen einer Lernbereitschaft: Oberthema “Lernen”. Aus ihrer
ganze Schullaufbahn erzählt W39 von keiner Lernsituation; der Volksschule
steht sie weder positiv noch negativ bewertend gegenüber, und in der
Oberschule opponiert sie kräftig gegen die Institution Schule (vgl.
72-79). Hier wird das Oberthema “Autonomie und Krisen - Italien”
wichtig, um das Lernen oder die Lehrsituation geht es aber nicht. Das Thema
“Lernen” beginnt im 23. Lebensjahr zusammen mit dem Auftauchen des
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes “
Keramik”.
195
W39: Ja da habe ich schon mit der Keramik angefangen und auch
196
total guten Lehrer gehabt in [Stadt 1], der hat so ein Laboratorium
197
gehabt, wo man gekonnt hat hingehen und der hat mir dann einfach
198
den Schlüssel gegeben und gesagt, ich soll das tun, was ich will
199
I: Mhm
200
W39: Dann habe ich praktisch arbeiten gekonnt, wie mir das gepaßt
201
hat
Dieses
Lernen ist ein sehr eigenständiges, die Lehrsituation ist geprägt
durch einen laissez faire-Stil. Der hier möglich Lernstil paßt also
genau zum Autonomiebedürfnis von W39. Das Thema “Lernen”
bleibt auch vorerst an den erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstand
gebunden (um sich dann später zur biographischen Reflexion
weiterzuentwickeln), wobei aus eigener Motivation gelernt wird und Lehrende,
nicht aber Lehrsituationen beschrieben werden. Die Lehrsituation scheint aber
zumindest rückblickend bewußt und positiv als solche wahrgenommen
worden zu sein.
125
und in der
126
[Gegend 2] da habe ich dann richtig angefangen ah . nur mehr mich auf
127
Keramik zu konzentrieren . dann habe ich dort einmal von
128
verschiedenen Personen . Verschiedenes gelernt
Exkurs:
begleitende Theorieelemente
Bezüglich
dem Schema von EGGER: Synchronisations- und Integration vs. Wandlungs- und
Widerspruchsmodell ist W39 eindeutig dem zweiten zuzuordnen. EGGER bezieht sich
zu Beginn des Zitats auf das erste:
“Besonders
ausdrucksstark wird dieses Selbstverständnis bei Menschen, die eine
instrumentelle Einstellung zur Bildung am augenscheinlichsten aufweisen. Die
strikte Einfügungshaltung gegenüber normativ erwünschtem
Bildungshandeln orientiert sich dabei beinahe ausschließlich an
qualifikatorischen Produkten, die auf dem Arbeitsmarkt konvertibel sind, wobei
extrafunktionale Elemente weitestgehend ausgeblendet werden. Dieses
Ordnungsprinzip drückt die Haltung aus, daß Bildung ein Baustein zur
Realisation individueller und gesellschaftlicher Wertigkeit sein muß. Der
Hintergrund ist hier dominierend, währen sich im Wandlungs- und
Widerspruchsmodell der Vordergrund, die alltägliche Lebensform und
-organisation diesem Hintergrund nicht unterordnen läßt.”
(EGGER 1996, 45)
Die
Art, wie die Lernsituation gestaltet ist, steht für W39 im Vordergrund,
die Qualifikation ist für W39 nicht relevant und wird es auch später
nicht werden.
W54:
frühes, “Lernklima”-, persönlich betreutes,
selbstgewolltes, selbständiges, intensives
(=persönlichkeitskohärentes) Lernen
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
Sprachlicher
Bereich
”
ist bei seinem Auftauchen, d.h. der Situation der Einstiegsprüfung in die
Mittelschule, mit einem Lernstil beschrieben, der eine Ausnahme zum
übrigen Lernen für diese Prüfung darstellt. Während W54
sich auf die anderen Prüfungsfächer mit einem selbst gewollten, auch
eigenständigen, intensiven und mit Einzelunterricht des Vaters
unterstützen Lernen vorbereitet, braucht sich W54 für den
“Sprachlichen Bereich” kaum vorzubereiten, da diese Vorbereitung
“in einem Buchklima” ohnehin schon stattgefunden hat.
154
(...) der sprachliche
155
Bereich hat überhaupt keine Schwierigkeiten gemacht, dann äh
156
nachdem wir in ich in recht so in einem Buchklima aufgewachsen bin
157
mmh hab’ ich da weiter nicht müssen weißgott welche
Vorbereitungen
158
machen, (...)
Dieser
Buchklima-Lernstil dürfte als ein über schulisches Lernen
hinausgehendes, von einer dem Lernen sehr positiv gegenüberstehenden
Familienatmosphäre getragenes Lernen zu verstehen sein, einem Lernklima
sozusagen. Im übrigen dürfte auch ein solches “Buchklima”
die Voraussetzung für jenen Lernstil sein, den W54 für die
Mittelschul-Einstiegsprüfung mit neun Jahren benötigte. Die
biographische Bedingtheit eines solchen Lernstils, mit denen der Lerngegenstand
“Sprachlicher Bereich” gelernt wurden, ist hier evident und ist
abgebildet in den Themen “Ursprungsfamilie: mit Berufstradition, Dominanz
von Bildung und Schule”, “Ursprungsfamilie: Freizeit =
Arbeitszeit”.
Der
erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand “
Pädagogischer
Bereich
”
fand zuerst als Lernen im Rahmen der Lehrerbildungsanstalt und dann als
selbständiges Lernen für das berufsbegleitende
Universitätsstudium statt. W54 berichtet von einem erfolgreichen Lernen in
der Lehrerbildungsanstalt, auch aufgrund von guten Eingangsvoraussetzungen
durch den Besuch von zwei Klassen Gymnasium (vgl. 217-220), ohne aber Lern-
oder Lehrstile zu beschreiben. Das Lernen für die Universität ist
aber jedenfalls ein selbständiges.
326
(...) bin’s aber dann angegangen und so hab’ ich immer, im
Alleingang,
327
ohne Unterstützung von irgendeiner Hochschülerschaft oder von ich
328
hab’ mir alle äh auch organisatorischen äh Notwendigkeiten immer
329
alleine erfüllt, hab’ auch kaum zu jemand anderem was gesagt wenn
330
wieder eine Prüfung fällig war, und hab eigentlich in relativ,
331
sagen wir für diese Verhältnisse hab’ ja nebenher immer
332
unterrichtet, für diese Verhältnisse eigentlich in relativ .
333
kurzer Zeit das abgeschlossen . ja Promotion
334
neunzehnneunundsechzig (...)
Intensives
und selbständiges (bis geheimgehaltenes) Lernen sind also, wie schon sehr
früh beim erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstand
“Sprachlicher Bereich”, auch bei diesem erwachsenenbildnerischen
Lern- und Lehrgegenstand die Eigenschaften des Lernstils, während das
Lernen im Einzelunterricht von Lehrenden hier nicht mehr aufscheint.
M53:
frühes, Lehrpersonbezogenes, persönlich betreutes, intensives,
“müssen”- (=persönlichkeitskohärentes),
eigenständiges Lernen; kontrollierte Loyalität
Der
Lernstil, in dem M53 den erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstand
“
Religiöse
Bildung
”
lernt ist von M53 nicht explizit beschrieben. Die Textpassagen, in denen M53
Lernstile zum Ausdruck bringt (Volksschule, Vorbereitung zur
Einstiegsprüfung in die Mittelschule, Mittelschule, Priesterseminar,
Universität, Diözesanassistent), lassen sich in 2 Gruppen aufteilen:
Meist mit “lernen müssen” ausgedrückte Lernsituationen
(Thema “lernen müssen”), in denen sich M53 den
Lernanforderungen anpaßt, und eigenständigem Lernen. Die
entsprechende Textpassage zum Lernen im Priesterseminar läßt eher
ein eigenständiges, selbstverantwortetes Lernen im Priesterseminar
interpretieren.
94
(...) ja dann habe ich zwei Jahre Philosophie gemacht dann
95
hat es mir recht gut gepaßt habe auch Theologie gemacht (...)
Wenngleich
sich in seiner Beschreibung der Lernstil nicht einfach vom vorgegebenen Lernen
zum eigenständigen Lernen entwickelt, denn beim über zehn Jahre
späteren Lernen an der Universität taucht die
Müssen-Formulierung immer noch auf.
383
(...) in dem Alter war für mich die Universität in [Stadt
384
7] die [Universität 1] war das für mich eine, ein Genuß . und
385
Italienisch und so Italienisch haben wir Englisch lernen müssen (...)
Der
Lehrstil, in dem dieser Lernstil von M53 eingebettet ist, wird vom M53 ebenso
nicht beschrieben, Textpassagen beschreiben aber das Lernumfeld
Priesterseminar, in dem über die Bewertung von Lernen hinaus eine Fremd-
und Eigenbewertung der Persönlichkeit des Priesteranwärters
stattfindet.
576
(...) und bin dann, habe dann eben dann ist dann
577
ist natürlich auch es ist ja auch es wird ja auch ein Prozeß
578
gemacht sagen wir so eine Art Prozeß es wird ja auch vom . vom
579
Regens des Seminars und auch von anderen Professoren des Seminars
580
wird ja auch mit mit mitverantwortet ob der betreffende Kandidat
581
überhaupt . mm in Frage käme nicht? es es ist ja so wir sind im
582
Seminar ja immer in Kontakt mit unserem Vorgesetzten dem Regens
583
und der hat ja auch frühzeitig so geschaut wenn wenn du das wenn
584
dir das nicht paßt und so dann bist du nicht für das und das
585
geeignet sodaß man ja begleitet worden ist von von Anfang an ob
586
man überhaupt dahin kommt selber will oder nicht will, man mußte
587
sich ja auch manchmal auch melden und und Rechenschaft ablegen wie
588
man dazu steht (...)
Diese
Beschreibung zeigt Parallelen zu den auf das Lernen bezogenen
Müssen-Aussagen, und beschreibt die Art der Beziehung von M53
gegenüber Autoritäten. Das Thema “Erlaubnis / Bedingungen +
Rechenschaft” erfaßt diese Beziehung, in der M53 sozusagen
väterliche Autoritäten klar akzeptiert und sich an ihnen ausrichtet,
wobei diese Beziehung zu den väterlichen Autoritäten in der ganzen
Biographie erhalten bleibt (Vater, Lehrer, Pfarrer, Regens, Bischof) und sich
im Vergleich mit “modernen” oder “postmodernen”
(emotionalisierteren) Vaterbeziehungen distanziert ausnimmt (Thema
“Distanz zu Elternhaus / Eltern”). Das Respektieren dieser
Autorität drückt sich dabei nicht so sehr als ein Erbringen von
Leistung aus, Leistung bezieht M53 eher auf sich selbst (Motiv
“Aufstieg”), denn durch das Akzeptieren von Rollen. Im Verlauf der
Biographie von M53 läßt sich aber auch eine Entwicklung hin zur
partiellen Entkoppelung von dieser Autoritätsfigur erkennen (Oberthema
“von ausfüllen / Rechenschaft zu erfinden /
Eigenverantwortlichkeit”).
Im
Vergleich mit den Stilen des Lernens und Lehrens im Jugendlichen- und
Erwachsenenalter sind die entsprechenden Berichte aus der Kindheit von M53 viel
reichhaltiger. So ergibt die Beschreibung über den Ablauf der Schulklassen
in der Volksschule und über die Vorbereitung zur
Überstiegsprüfung ein Lernen, das stark an den Lehrpersonen
ausgerichtet ist, und bei dem Norm-Abläufe und Norm-Bildungswege
(Fächer, Schulstufen, Leistungsstufen) aufgeweicht erscheinen.
147
M53: Waren nur zwei Lehrpersonen
148
I: Mhm
149
M53: Deswegen mehrere Klassen zusammen, und das war nicht so daß man
150
zum Beispiel, das erste Jahr macht und dann durchkommt und dann
151
kommt man in die Zweite durchkommt kommt man in die Dritte, das
152
ist auch wenn man durchgekommen ist man hat bestimmte Klassen
153
wiederholen müssen es hat schon vielleicht irgendeine
154
Weiterführung gegeben aber nachdem es nur, zwei Schulräume gegeben
155
hat zwei Lehrpersonen hat man müssen praktisch von sechsten Jahr,
156
Lebensjahr bis zum vierzehnten diese .
157
I: Mhm
158
M53: Diese zwei Klassenräume durchgehen
159
I: Mhm
160
M53: Diese beiden Lehrpersonen für die niedrigen Klassen und eben
161
für die höheren dann (...)
Mit
einer strikten Fächereinteilung wird M53 erst in der Mittelschule
konfrontiert.
182
I: Mhm das werden für Sie dann ganz oder vielleicht stelle ich mir
183
vor ah ah eine Umstellung gewesen sein so von diesen von diesen
184
gemischten Klassen in der Volksschule, in äh hinein ins ähm
185
M53: Ja die deutsche Mittelschule [Schule 1]
186
I: Ins äh [Schule 1]
187
M53: [Schule 1] Mhm ja das waren zwei ganz, schulmäßig oder
188
ausbildungsmäßig waren das riesige Unterschiede weil, ich ich habe
189
nichteinmal, ich habe zum Beispiel nichteinmal die Schulfächer
190
sagen wir die Terminologie der Schulfächer verstanden, sobald ich
191
die zum Beispiel das die Schulfächer das das Programm die
192
Schulfächern gelesen habe habe ich nicht gewußt was das heißt
(...)
Dabei
erscheint das Lernen von M53 vor allem bei der Vorbereitung auf die
Überstiegsprüfung als ein intensives und persönlich von
Lehrpersonen betreutes und gefördertes.
278
(...) ja Deutsch hat uns
279
dann der Pfarrer, Nachhilfestunden gegeben . Grammatik, dann sind
280
wir, im Juli .. äh in in eine, sagen wir äh sind wir sind wir aus
281
sind wir weg hat uns der Lehrer hingefahren, in eine Mittelschule
282
dort haben wir dann . diese Mittel diese Aufnahmeprüfung machen
283
müssen, das hat ungefähr eine Woche gedauert (...)
Sehr
postitiv wird von M53 auch das Soziologiestudium wahrgenommen, es ist
gänzlich frei von Belastungen.
389
(...) das Studium war damals für mich eine,
390
eine schöpferische Pause (...)
M42:
spät wieder relevantgewordenes, anforderungsorientiertes,
eigenständiges - qualifikationszentriertes Lernen
Der
Lernstil, in dem M42 den erwachsenenpädagogischen Lern- und Lehrgegenstand
“
Selbst-
und Sozialkompetenz
”
lernt, ist bei seinem Auftauchen nicht beschrieben, Lernsituationen werden
nicht geschildert. Das, was M42 über sein Lernen sagt, läßt auf
einen eigenständigen Lernstil schließen und auf eine Einstellung dem
Lernen gegenüber, die vor allem stark zweckgerichtet auf den
Qualifikations- und Kompetenzerwerb ausgerichtet ist. Reflexivität findet
dabei aus Notwendigkeit (nicht aus Lust an der Reflexion) statt, vor allem geht
es aber um das “Sich-Ausbilden” und das
“Ausbildung-Machen”.
398
(...) dann habe ich äh begonnen mich gezielt auf diesen meinen
399
zukünftigen Beruf der Betriebsberatung auszubilden, habe einmal
400
eine komplette Ausbildung gemacht in als Trainer,
401
Kommunikationspsychologie äh äh nachgemacht äh dann eben eine
402
sugestopädische Ausbildung Rhetorikausbildung habe Praktikas eben
403
nochmals gemacht (...)
Zu
dieser Wortwahl kommt in der Phase der Weiterentwicklung nach dem
Firmenzusammenbruch des Vaters dann eine reflexive Komponente dazu.
462
(...) habe mich weitergebildet, ähh
463
eben einmal rein fachlich, äh in meinem Bereichen
464
Unternehmensführung Organisation äh Marketing Verkauf
465
Kostenrechnung Kontrolling und Qualitätsmanagement in diesen
466
Bereichen habe ich mich immer weitergebildet und habe auf der
467
Parallelebenen eine Gesamtausbildung gemacht äh in äh ja
468
Weiterbildung in alles was mit Kommunikation zu tun hat,
469
Persönlichkeitsentwicklung Kommunikationsphilosophie habe mich
470
eben stark mit Philosophien vom Watzlawick auseinandergesetzt, äh
471
und habe äh dort äh eigentlich äh äh aus meiner
persönlichen
472
Erfahrung heraus einen großen Drang gehabt mich dort, wirklich
473
einmal auch zu ja bißchen kund zumachen, also ich wollte
474
eigentlich herausfinden äh wo krankt denn die ganze Geschichte (...)
Und
einige Zeilen weiter.
483
(...) habe mich auch mit Sinn des Lebens
484
sehr stark auseinandergesetzt ähh habe ähh eben diese ganze
485
Sinnhaftigkeit das Sinnsuchen äh bin eben sehr viel in äh Lebens
486
äh fragen hi eingestiegen habe mich dort auch weitergebildet (...)
Dies
entspricht dem in dieser Phase verstärkten Relevantwerden von
“Theorie” (Thema) (siehe Hypothese 3
“Qualitätsverbesserung des Lerngegenstandes”). In einer
zweiten Ausbildungsphase (siehe Hypothese 13 “Weitere
Qualitätssteigerung” als Lehrgegenstand) dominiert wieder die
“Machen”-Wortwahl.
495
(...)in den letzte fünf Jahre ganz stark
496
eine sugestopädische und NLP-Ausbildung gemacht und zwar nicht
497
eine therapeutische wie sie vielfach äh fälschlicherweise
498
eingesetzt wird die NLP Lehre sondern um effektiv in der
499
Kommunikationskompetenz sei es von der Philosophie her aber auch
500
dann von der Methodik her gutes Rüstzeug zu haben, äh habe mich
501
dann bei Birkenbihl Birkenbihl ist leider gestorben war ja
502
eigentlich der Vater The Trainer das Buch hat er gegeben den habe
503
ich persönlich für mich eine ganze Woche hergeholt und habe bei
504
ihm ein persönliches Coaching durchgemacht, und äh habe
505
gleichzeitig äh Moderations und Präsentations äh ausbildung
506
gemacht einen Lehrgang (...)
Exkurs:
begleitende Theorieelemente
M42
läßt sich hier dem Synchronisations- und Integrationsmodell von Kurt
EGGER (1996, 45) zuordnen.
“Besonders
ausdrucksstark wird dieses Selbstverständnis bei Menschen, die eine
instrumentelle Einstellung zur Bildung am augenscheinlichsten aufweisen. Die
strikte Einfügungshaltung gegenüber normativ erwünschtem
Bildungshandeln orientiert sich dabei beinahe ausschließlich an
qualifikatorischen Produkten, die auf dem Arbeitsmarkt konvertibel sind, wobei
extrafunktionale Elemente weitestgehend ausgeblendet werden. Dieses
Ordnungsprinzip drückt die Haltung aus, daß Bildung ein Baustein zur
Realisation individueller und gesellschaftlicher Wertigkeit sein muß. Der
Hintergrund ist hier dominierend, währen sich im Wandlungs- und
Widerspruchsmodell der Vordergrund, die alltägliche Lebensform und
-organisation diesem Hintergrund nicht unterordnen läßt.”
(EGGER 1996, 45)
Das
“strikte Einfügungshaltung” ist bei M42 nicht unbedingt
gegeben, die “qualifikatorischen Produkte, die auf dem Arbeitsmarkt
konvertibel sind” erscheinen für ihn aber in erster Linie wichtig zu
sein. M42 entspricht auch was den Stellenwert, den Reflexivität für
ihn darstellt, anbelangt dem Synchronisations- und Integrationsmodell.
“Routinisierung,
Vergewöhnlichung und Habitualisierung sind dabei die Mittel zur
Stabilisierung eines Synchronisationsarrangements. Andere, reflexive Formen der
Lebensgestaltung, werden nur in Krisenzeiten aktualisiert, aber selbst dann
bleiben sie von untergeordneter Bedeutung im Spektrum der funktional gezielten
und spezialisierten Tätigkeitsfolgen. Dabei ist eben Bildung vorwiegend
auf das Sub-System der Arbeit bezogen, das sich großflächig von
anderen Bereichen abgrenzt und nach spezifischen Regeln und Kalkülen
ausdifferenziert.” (ebd., 45)
Und
diese Abgrenzung der Arbeit und Bildung vom Rest kommt auch im
lebensgeschichtlichen Interview mit M42 zum Ausdruck, er argumentiert zwar
mehrmals (vgl. Motiv “hoher Stellenwert der Familie, menschlich
stimmen”) mit der Wechselwirkung von Berufs- und Privatleben, bringt
seine aktuelle familiäre Situation aber mit keinem Wort zur Sprache. Was
die selbstreflexive Komponente des Lernens betrifft, hat die erzähl- und
biographietheoretische Auswertung ein Relevantwerden von Theorie ergeben (Thema
“Theorie”), wobei Theorie in einem gewissen Sinn als Ersatz
für abhandengekommene Autoritätsfiguren (Thema “Vater
‚gestorben‘”) steht. Offen selbstreflexives Verhalten ist
sehr selten bei M42, aber dieses Relevantwerden von Theorie könnte sehr
wohl als ein Lernprojekt Erwachsener (SCHRATZ 1993) beschrieben werden, dessen
Lernthemen M42 mit den Autoren Watzlawick und Birkenbihl benennt.
Das
Lernen von M42, das als Erwachsener ein eigenständig-zweckorientiertes
ist, läßt sich in dieser Zweckorientiertheit schon in die Kindheit
zurückverfolgen, wo es als anforderungsorientiertes Lernen beginnt.
37
(...) ich war bis in der zweiten Volksschule relativ schwach in
38
Mathematik, und äh da hat meine Mutter irgendwanneinmal äh an
39
einem Sonntag zu mir gesagt das war im Winter, also bevor du nicht
40
zusammenzählen wegzählen multiplizieren und dividieren kannst, das
41
muß man sich vorstellen das war zweite Volksschule, davor gehst du
42
mir nicht mehr vor das Haus, innerhalb einer Stunde habe ich
43
gekonnt zusammenzählen wegzählen dividieren multiplizieren weil
44
mir war das Außerhausgehen sehr wichtig und vor allem Rodl Rodln
45
fahren, und von diesem Zeitpunkt an war ich in Mathematik immer
46
der Beste (...)
Das
hier beschriebene Lernen von M42 im Zusammenhang mit dem
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstand “Selbst- und
Sozialkompetenz” ist außerdem ein erst spät relevantgewordenes
bzw. wieder relevantgewordenes Lernen. Lernen spielt im lebensgeschichtlichen
Interview bis zum Ende der Mittelschule eine Rolle (Motiv
“leistungsfähig, musikalisch”, vgl. 107-118), verschwindet
dann bezogen auf die Oberschule (Motiv “nichts getan”) und
Universität, um in der Universitätszeit dann langsam wieder
aufzutauchen, und zwar als Aktivität die parallel (Organisation 1, vgl.
370-381) oder außerhalb der Universität (Exkursionen, vgl. 355-361)
stattfindet. Definitiv relevant ist Lernen für M42 wieder nach der
Universität, bei der Ausbildung für den Beruf, in
größtenteils auch dem erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstand “Selbst- und Sozialkompetenz” entspricht. Im
Zusammenhang mit diesem Verschwinden und Wiederauftauchen der Relevanz des
Lernens für M42 im lebensgeschichtlichen Interview kann auch das Thema
“Peergroup” gesehen werden, denn die Relevanz der Peergroup ist
genau dann hoch, wenn das Lernen wenig relevant ist. Je mehr die eigene
Beruflichkeit und parallel dazu das Lernen auftaucht, um so mehr verschwindet
die Peergroup aus der Erzählung (Oberthema “Peergroup, dann
Leadersein”). Ein weiterer Aspekt in Bezug auf das Lernen von M42 sind
seine väterlichen Autoritätsfiguren, von denen er sich in der
Oberschulzeit zur guten schulischen Leistung anspornen läßt (vgl.
239-244) und die er als Universitätsprofessoren schätzt, wenn sie
außerhalb der Universität Neues zeigen (Thema
“Autoritäten [Autonomie, Sympathie, Ehrfurcht] und Leistung /
Hinausgehen”, vgl. 355-361), mit deren Theorien er sich
“auseinandersetzt” (Watzlawick) und die er sich als Ausbildner in
den eigenen Betrieb holt (Birkenbihl).
[25]
Die Begriffe Lernstil, Lehrstil, Didaktik sind hier nicht weiter vertieft. Die
Definition des in dieser Arbeit gebrauchten Begriffs Lern- und Lehrgegenstand
bleibt aufrecht, mit Lehr-Gegenstand ist weiterhin nur die Lehre des
Erwachsenenbildners gemeint.
© 1998 