Pöhl Stefan: Lernbiographien von ErwachsenenbildnerInnen. Lebensgeschichtliche Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegestände von vier Südtiroler EwachsenenbilderInnen. (Diplomarbeit) Innsbruck 1998.


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Transkription

Die Transkription im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit muß den Regeln der Vollständigkeit und Angemessenheit entsprechen. Die Vollständigkeit der Transkription ist im Rahmen dieser Arbeit gewährleistet, woraus sich (zusammen mit der Veröffentlichung aller “Daten” - siehe Anhang: Interviews) die nötige Nachvollziehbarkeit ergibt. Bezüglich dem Kriterium der Angemessenheit ergibt sich aus praktischen Beispielen der Transkription von narrativen Interviews eine gewissen Bandbreite zwischen “Vereinfachung” und “Präzision”. Peter ALHEIT plädiert im Rahmen einer Studie über biographische Muster, die zur Wahl eines Weiterbildungsstudie führen, für ein “vereinfachtes Transkriptionsverfahren”.

“Die Notation der Textstellen folgt einem - der Lesbarkeit wegen - vereinfachten Transkriptionsverfahren: sprechtextnahe, durch konventionelle Satzzeichen lesbar gemachte literarische Umschrift; Notierung einzelner Propositionen; Gedankenstriche (‚ - - ‘) als Markierung prosodischer Zäsuren; Unterstreichung (‚ nich’‘) als Hervorhebung starker Betonung; in eckige Klammern (‚[...]‘) gesetzte Worte zur Anonymisierung von Ortsnamen.” (ALHEIT 1995, 60)

Im Rahmen einer Untersuchung von nicht-existentiellen und tendenziell erzählresistenten Lernerfahrungen plädiert Sigrid NOLDA für eine durch Textstellen belegte Interpretation für welche ein präzise Transkription notwendig ist. Dazu verwendet sie folgende Transkriptionszeichen:

“‚X’ = steigende Intonation; X = fallende Intonation; X- = Intonation in der Schwebe; äh, ähm = Verzögerungspartikel; . = kurzes Absetzen; .. = kurze Pause; ... = längere Pause; (leise) = Charakterisierung der Sprechweise; Hm = eingipfliges Rezeptionssignal; Mhm = zweigipfliges Rezeptionssignal (alle Strichpunkte und =-Zeichen von SP eingefügt)” (NOLDA 1996, 92)

Die Vorgehensweise nach BLAUMEISER sieht die gleichen Transkriptionszeichen vor, wie sie auch NOLDA vorschlägt, verzichtet aber auf die Notierung der Intonation, wodurch sie gemessen an obigen Beispielen eher der “Vereinfachung” zuzuordnen ist. Um Sprechrhythmus und Sprechgeschwindigkeit wenigstens einigermaßen zu reproduzieren wurden für diese Arbeit (siehe Anhang: Transkriptionszeichen) in Abweichung von BLAUMEISER und auch vom obigen Beispiel von ALHEIT keine konventionellen Satzzeichen eingefügt (Beistriche stehen für sehr kurze Sprechpausen). Dies verunmöglicht allerdings auch den Einsatz jener automatischen Kodierfunktion der im Rahmen dieser Arbeit eingesetzten Textinterpretationssoftware Atlas.ti, die konventionelle Satzzeichensetzung voraussetzt. Was die Transkription des Dialekts betrifft, wird im Rahmen dieser Arbeit, auf genaue Lautwiedergabe durch entsprechende Sonderschriftzeichen verzichtet und eine Übersetzung ins Hochdeutsche vorgenommen. Dies auch um dadurch eine Anonymisierung der Dialektaussagen zu erreichen, denn anhand der Dialektaussagen könnten die Interviewten von SüdtirolerInnen leicht einer bestimmten Gegend zugeordnet werden. Da der Südtiroler Dialekt (bzw. Dialekte) meine Muttersprache ist, und dadurch die Übersetzung genau dieses Dialekts ins Hochdeutsche meine Alltagskompetenz, dürfte auch eine unaufwendige Transkription die maximale Berücksichtigung des Wortsinns gewährleisten.
Praxis: Erfahrung und Reflexion
Bei der Transkription der Interviews zu dieser Arbeit wurde der Südtiroler Dialekt ins Hochdeutsche übersetzt. Daß der Grad des Dialektalen auch ein für die Auswertung von narrativen Interviews relevantes Merkmal sein kann, zeigte sich besonders bei M42, dessen weitgehend hochdeutsche Aussprache den Akzent eines markanten Südtiroler Dialektes hatte. Je mehr nun M42’s Erzählung unmittelbare Handlungen beschrieb, narrationstheoretisch also sog. “Geschichten” beinhielt, um so öfter fiel er für eine kurze Passage in diesen markanten Südtiroler Dialekt zurück. Das “ Raplaying” der Handlung manifestierte sich hier auch im Grad des Dialektalen, die verschiedenen Orte und Zeiten in der Erzählung wurden so lebendig vermittelt.

Bezüglich des von BLAUMEISER vorgeschlagenen und von der Interpretationssoftware Atlas.ti unterstützten Memo-Einsatzes machte ich mit fortschreitender Auswertung der Interviews die Erfahrung, daß vieles, was während der Transkription und auch während der Kodierung an Gedanken anfällt, für die Kodierung wichtig ist. Dabei sind es vor allem die naheliegenden und beiläufigen Gedanken, die es sich lohnt, in Memos aufzufangen. Diese Gedanken werden fruchtbar, wenn sie am Ende der Kodierung wieder eingebracht werden. Sprachliche Zwischentöne und Nonverbales aus der Interviewsituation, an das man sich beim Transkribieren noch erinnert, gehen sonst im Reduktionsprozeß, den die Transkription und dann auch die Kodierung bedeuten, verloren. Bei der Kodierung verschiebt sich zudem durch die hermeneutische Inbezugsetzung der Kodes mehrfach die Sichtweise auf den Gehalt des Interviews. Diese wiedereingebrachten “banalen” Gedanken aus früheren Arbeitsschritten evozieren wieder inzwischen Überdecktes und wirken so als abschließendes Korrektiv und als abschließender Integrator für die Interpretation. [9]

Den Interviewpartnern wurde Anonymisierung der Namen und Orte zugesichert (siehe Anhang: Brief an eine/n ErwachsenenbildnerIn). In einer ersten Anonymisierung ließ ich aber dennoch einige Orte un-anonymisiert, da mir das Wissen eines Lesers der Interviews um die konkreten Orte unverzichtbar erschien, vor allem um erzählte Ortswechsel nachvollziehen zu können. Mit weitergehender Auswertung der Interviews, die ja auch eine Form von Manipulation eines Objekts ist, das nicht mehr agieren kann [10], stieg mein Bedürfnis, diese meine Deutungen der Interviews nur anonymisierten Texten, aber keineswegs realen Personen angedeihen zu lassen. In einem zweiten Durchgang anonymisierte ich die veröffentlichten Interviews deshalb völlig - auch wenn dadurch die Lesbarkeit der Interview leidet.



[9] Susan Gasson, Birrell Walsh und Johann Krempels kann ich in ihren E-Mails an die Mailinglist von Atlas.ti deshalb nur zustimmen:
“Absendedatum: Thu, 26 Mar 1998 07:54:19 +0100. Von: Johann Krempels <krempels@SOZPSY.UNIZH.CH>. Betreff: Re: Interview Transcriptions. An: Multiple recipients of list ATLAS-TI <ATLAS-TI@TUBVM.CS.TU-BERLIN.DE>

I agree to this technik of text-analysis. It's the same for me: during the transcription there were born a lot of good and creativ ideas, how I can bring the data and some theoretical approachs together.
Johann

>Susan Gasson, University of Warwick wrote:
>
>> This method also had an unexpected advantage: it allowed me to
>> reflect upon the data as I was entering it and this process generated
>> some very useful insights from my analysis - in fact, the more data I
>> transcribed, the more I picked up significant issues during
>> transcription, which produced many useful codes and themes for my
>> analysis.
>
>May I join in this idea. If you do your own transcription, you hear the
>tones of voice, the pauses, the mumblings and obiter dicta. I am very
>glad I have done so, even though it is royal pain while doing it.
>
>Birrell Walsh, MicroTimes”
[10] Diesen Nachteil versucht die “Kommunikative Validierung” auszugleichen, indem Transkript und Interpretation dem Interviewpartner zur Zustimmung und Mit-Strukturierung vorgelegt werden (vgl. FLICK 1991, 168).



©  1998


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