Pöhl Stefan: Lernbiographien von ErwachsenenbildnerInnen. Lebensgeschichtliche Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegestände von vier Südtiroler EwachsenenbilderInnen. (Diplomarbeit) Innsbruck 1998.
Interpretation
Für
die Auswertung nach BLAUMEISER ist sein “Vom Transkript zum
Artikel” (1997) der zentrale Text. Er impliziert die Konzepte des
sozialräumlichen und des biographischen Ansatzes in der Kodierung des
transkribierten Textes, weiters sieht er im Arbeitsablauf auch den Einsatz von
Memos vor, was der Struktur des Textinterpretationsprogrammes Atlas.ti
entgegenkommt. Auch die Art des Verhältnisses von Textinterpretation bzw.
dessen Ergebnis zu von außen herangetragener Theorie ist in diesem Text
festgelegt. Unter “Methodische Standortbestimmung von BLAUMEISERs
Vorgehen im Feld qualitativer Sozialforschung nach FLICK” wird dies
näher ausgeführt. “Vom Transkript zum Artikel” sieht
zusammenfassend folgenden Arbeitsablauf vor (Der vollständige Text ist im
Anhang wiedergegeben):
Gliedernde
Lektüre des Transkripts
:
- Paarweise
Indizierung der Orte der Handlung und der Zeiten; Liste der Orte und Zeiten.
- Indizierung
der Beschreibungen und Geschichten; Liste der Beschreibungen und Geschichten.
- Indizierung
von Argumentationen, biographischen Kommentaren und Codas; paraphrasierte Liste
von diesen.
Faktische
Rekonstruktion
:
- Rekonstruktion
des Lebenslaufs.
- Zeitlich
gereihte Rekonstruktion des erlebten Geschehens.
Kategorisierungen
- Charakterisierung
der Erfahrung in Themen aus Beschreibungen und Geschichten; Liste der Themen.
- Paralleles
notieren von Memos; Liste dieser.
- Charakterisierung
und hierarchische Gruppierung (Leitmotive) der Motive aus Argumentationen,
biographischen Kommentaren und Codas; Liste der Motive
Feinanalyse
- Auswahl
und Detailinterpretation von Schlüsselpassagen.
- Vernetzung
von Passagen und Generierung von übergreifenden Hypothesen.
Integration
in den Forschungsstand
- Sample-Integration
an weiteren Interviews, Literatur-Integration und Abfassung eines Fachartikels.
Die
äußere Biographie hat einerseits die Funktion, Übersicht
über die Biographie zu schaffen, sie dient aber auch dem Sichtbarmachen
der “Interventionen der Zeitgeschichte”, der Einbettung der
Biographie in soziokulturelle Gegebenheiten. Nur auf der Folie dieser
Gegebenheiten kann die subjektive, “innere” Biographie verstanden
werden. Die äußeren Biographien sind unter “Anhang”
wiedergegeben.
Von
den fünf biographischen Ansätzen nach BLAUMEISER sind beim narrativen
Interview und in der induktiven (erzähl- und biographietheoretischen)
Interpretation vor allem der lebensgeschichtliche und chronologische Ansatz zur
Anwendung gekommen. Im Rahmen der deduktiven (themazentrierten) Interpretation
entsprechen vor allem bildungstheoretische Konzepte und Ergebnisse aus der
biographiebezogenen Professionsforschung der Erwachsenenbildung dem Thema
dieser Arbeit. Der sozialräumliche Ansatz ist in der Auswertung zwar als
Paraphrasierung der Zeiten und Orte vorbereitet, in der Interpretation dann
aber nicht eigens verfolgt; der diesem Ansatz zuordenbare Teilaspekt der
geographischen Mobilität findet in der Interpretation Berücksichtigung.
In
einigen Punkten haben sich in dieser Arbeit Zusätze vom Modell ergeben:
- Parallel
zur hierarchischen Gruppierung der Motive wurde eine hierarchische Gruppierung
der Themen in den sog. “Oberthemen” vorgenommen.
- Die
Leitmotive und Oberthemen wurden in ihrer Entwicklung und Aufschichtung im
Lebenslauf geordnet, in Anlehnung an SCHÜTZEs “lebensgeschichtlichen
Prozeßabläufen” und “biographischer Gesamtformung”.
- Der
am stärksten induktive Kodierungsschritt, die Charakterisierung von Themen
und Motiven als textgenerierte, deskriptive Kategorien erfolgt nach der Vorlage
von BLAUMEISER nur als enge Kontextanalyse. Hier wurden aber auch im Sinne
einer weiten Kontextanalyse (MAYRING), die über den Text hinausgreift,
Informationen über die Erwachsenenbildungstätigkeit der
InterviewpartnerInnen eingeholt und in die Interpretation mit eingebracht.
- Über
das Modell von BLAUMEISER hinaus wurden für die der
erzähltheoretischen und biographietheoretischen Interpretation folgenden
themabezogenen Interpretation zusätzliche Kategorien angelegt: Aus der
Fragestellung wurden im Zuge der Interpretation Unterthemen und Unterpunkte und
Hypothesen als deduktive Kategorien herausgearbeitet. Die Unterthemen folgen
dem natürlichen Ablauf von Lerngegenstand, Erwachsenenbildner-Werden und
Lehrgegenstand und entsprechen somit dem chronologischen Ansatz der
biographischen Forschungsmethode nach BLAUMEISER. Die Unterpunkte haben schon
leicht hypothesenhaften Charakter. Unterthemen und Unterpunkte ergeben die
Struktur jenes nachgeschalteten Teiles der Interpretation, der auf die
Fragestellung ausgerichtet ist. Da die Unterpunkte und Hypothesen sich auf dem
Raster der Unterthemen in einer gewissen Regelmäßigkeit wiederholen,
ergibt sich eine matrixartige Hypothesenstruktur. Die Gewinnung der Hypothesen
und der auch hypothesenhaften Unterpunkte geschah einerseits induktiv, aus dem
ersten und dann, weitertransportiert, aus den weiteren Fällen heraus.
Darin eingearbeitet sind aber auch meine “
Vorurteile”,
also bewußtgemachte implizite Hypothesen dem Forschungsgegenstand
gegenüber, die so zum kontrollierbaren Ausgangspunkt der
Hypothesenentwicklung werden.
- Einige
schon bekannte oder in der ersten Einlesephase zu dieser Arbeit kennengelernte
theoretische Konzepte wurden deduktiv kodierend im Kodierungsprozeß
mitgenommen.
- Der
Einsatz der Dateninterpretationssoftware Atlas.ti erlaubt im Arbeitsschritt der
Feinanalyse eine viel breitere “empirische” Verankerung der
gebildeten Hypothesen in der themazentrierten Interpretation, da damit eine
große Menge von Zitaten verwaltet werden kann, ohne die Übersicht zu
verlieren.
Neben
diesen klar in den Kategorisierungsprozeß hereingenommenen theoretischen
Konzepten blieben andere theoretische und methodische Konzepte in einer
“latenten” Art und Weise in der Interpretation wirksam, indem sie
zwar nicht explizit eingebracht wurden, auf sie aber immer wieder vergleichend
zurückgegriffen wurde. Eines dieser in der methodischen Auseinandersetzung
beteiligten Konzepte war das schon angesprochene der
“lebensgeschichtlichen Prozeßabläufe” von SCHÜTZE.
Interpretationswerkzeug
Atlas.ti
Die
Auswertung der transkribierten Texte geschah computerunterstützt mit Hilfe
des Programms Atlas.ti, in das ich von Georg PLEGER eingeführt wurde.
Computerunterstützte Textauswertung bietet einige Vorteile.
“Computerunterstützt
ist eine qualitative Analyse, in welcher der Computer eingesetzt wird, um
einzelne Analyseschritte einfacher, schneller, und übersichtlicher
durchführen zu können; und die sich darüber hinaus durch neue
Möglichkeiten auszeichnet: insbesondere Visualisierung, Hypertext,
automatische Hypothesenprüfung. Mit der Computerunterstützung soll
dabei das Verfahren der qualitativen Analyse auf zweifache Weise optimiert
werden: einerseits in Hinblick auf Arbeitsökonomie und Arbeitseffizienz,
andererseits auch, was die Möglichkeiten der Standardisierung,
Dokumentierung, und der intersubjektiven Nachprüfbarkeit, mithin der
Objektivierung (und Objektivität) des Verfahrens, betrifft.”
(NIEDERMAIR 1995)
Die
Nachteile liegen nach NIEDERMAIR in der Notwendigkeit einer intensiven
Einführungsphase in das Programm und in der Gefahr der Ablenkung vom
Forschungsvorhaben durch das Erproben neuer Programmfunktionen.
Praxis:
Zu den Vor- und Nachteilen der computerunterstützten Interpretation
Zur
Minimierung dieser Gefahren stand zu Arbeitsbeginn mein Vorsatz die
Begrenztheit meiner Ausstattung meines methodischen Werkzeugkastens
bewußt nicht auszuweiten, speziell indem ich das von BLAUMEISER in
“Vom Transkript zum Artikel” (1997) vorgeschlagene Prozedere nicht
ausweite
[11].
Dies ist weitgehend gelungen, wobei die Anwendung der Vorlage von BLAUMEISER
sich aber insofern nachteilig auswirkte, als daß die Implementierung
dieses methodischen Konzeptes in die relativ offene Struktur von Atlas.ti die
Einführungsphase, bzw. in meinem Fall die Phase autodidaktischen Lernens,
verlängerte. Es ging vor allem darum, gleichzeitig mit dem Prozeß
der Methodenaneignung immer wieder ein Stück mehr über die
Funktionsmöglichkeiten von Atlas.ti dazuzulernen und für die
Methodenelemente die günstigste Form der Umsetzung in Atlas.ti zu finden.
Einige “Aus- und Umbauten” der implementierten Struktur waren dazu
nötig, manchmal war aber eine ungünstig angelegte Umsetzung nicht
mehr in einem erträglichen Zeitaufwand umzugestalten.
- Die
Oberthemen und Leitmotive stellten sich erst relativ spät mit dem
Darstellungselement Memo in Atlas.ti als schlecht umgesetzt heraus, aus
nachträglicher Sicht wäre eine Umsetzung mit dem Darstellungselement
Kode besser gewesen.
- Als
glückliche Entscheidung hat sich die unterschiedliche Lokalisierung von
weiterreichenden hypothetischen Ideen in den Memos (von mir sogenannten
“kodierinduzierten” Hypothesen) und der Analysen von Narrativem
versus Nichtnarrativem in den sog. Zitat- und Kode-Anmerkungen erwiesen.
Das
Subskribiertsein in die Mailinglist über Atlas.ti war schön und
wichtig für einen weitgehenden Autodidakten wie mich. Mein Lernfortschritt
wurde an den Meldungen in der Mailinglist nachvollziehbar, indem ich immer
öfter Anfragen an die Peers beantworten hätte könnte. Man wird
auch auf neu Funktionen im Programm aufmerksam gemacht und nebenher
erfährt man die Breite der Palette qualitativer Sozialforschung, und zwar
im internationalen Spektrum. Man erfährt ein Tool, das an den
Bedürfnissen der Anwender weiterentwickelt wird.
Praxis
der Interpretation
Praxis:
Sequenzierung / Paraphrasierung
Zu
Beginn der Kodierung stellte sich die Frage, wie mit den in der Wertigkeit oft
mehrfach zuordenbaren Textstellen umgangen werden soll. Die Entscheidung fiel
für ein nur einmaliges Paraphrasieren einer Textstelle, d.h. eines
Zitates. Daß der Text lückenlos von vorne nach hinten zu
paraphrasieren, also zu sequenzieren ist, das stand von Anfang an fest. Zu
Beginn der Arbeit stand auch der Entschluß, möglichst nicht
horizontal sondern nur vertikal zu verlinken. Das bedeutet
interpretationsmethodisch, daß (textinterne) Explikation nicht als
direktes Verbinden von Textstellen an auseinanderliegenden Orten im Text,
sondern als abstrahierender Kode auf einer höheren Kodierungsebene
stattfindet. Gegen Ende der Auswertung ging ich aber dazu über, im Text
aufgesplittete Erzählelemente doch auf der Ebene der Zitate miteinander zu
verlinken, so daß sie im Zusammenhang lesbar wurden. Die
zusammengehörenden Erzählelemente Geschichten und Codas wurden von
Anfang an auf der Ebene der Paraphrasen verlinkt. Eine weitere immer
wiederkehrende Überlegung betraf die Länge der Zitate. Die
Aufgliederung des Textes in die narrationstheoretisch motivierten Paraphrasen
Geschichten, Beschreibungen, Codas, biographische Kommentare und Argumente
läßt sich sehr feingliedrig oder in gröberen Blöcken
bewerkstelligen. Mehr und kurze Paraphrasen erlauben die bessere Interpretation
der Textstellen, auch indem die einzelnen kurzen Paraphrasen unterschiedlichen
Kodes zugeordnet werden können. Vor allem zu Beginn der
Interpretationsarbeit ging mir aber durch die Feinaufgliederung der Textstellen
oft die Übersicht für den Zusammenhang der Inhalte verloren. Der
Ausweg war die beschriebenen, dann doch zunehmende horizontale Verlinkung der
Zitate und Paraphrasen, so war bei Bedarf das Umfeld einer Aussage wieder
zugänglich. Diese Entwicklung fand auch deshalb statt, weil mir mit der
parallelen Teilnahme an Lehrveranstaltungen von BLAUMEISER der innere Bauplan
von Erzählungen und speziell von Geschichten immer klarer wurde. In grobe
Blöcke segmentiert habe ich aber von Beginn der Auswertung an die meist am
Ende der Texte sich befindenden längeren argumentativen Passagen, um hier
Datenreduktion zu erreichen. Auch die Benennung der Paraphrasen war Gegenstand
einer Entwicklung, indem sich zuerst die Tendenz ergab, besonders Zitate mit
eigentheoretisch-argumentativen Inhalten in Anlehnung an
interpretationstheoretische Konzepte schon als “Legitimation” oder
“Grund” zu kodieren. Hier bedurfte es der Bemühung in der
Paraphrasierung ganz nahe am Inhalt der Zitate zu bleiben und so die Paraphrase
für die spätere Kodierung offen zu halten.
Die
Erhöhung der Trennschärfe zwischen narrativen und eigentheoretischen
Textteilen war ein weiterer Punkt in der methodischen Umsetzung der
Interpretation, denn erst durch hohe Trennschärfe können Differenzen
zwischen narrativen und argumentativen Textteilen sichtbar und somit der
Vorteil des narrativen Interviews genutzt werden. Die von SCHÜTZE
geforderte “Elimination aller nicht - narrativen Texteile”
(BOHNSACK 1991, 95) geschieht bei der Auswahl der Textteile für die
Paraphrasierung der Geschichten und Beschreibungen. Dabei ist trotz des
vordergründig höheren Informationsgehalts von biographischen
Kommentaren und Argumenten der Reflexionsgrad der Aussagen im Text ständig
im Auge zu behalten und die reflexiven Inhalte sind zu meiden. Als
problematisch haben sich in der Zuordnung zu narrativen Paraphrasen
(Geschichten und Beschreibungen) oder eigentheoretischen Paraphrasentypen
(Codas, biographische Kommentare, Argumentationen) vor allem Textsorten
erwiesen, die nicht eindeutig zuordenbar sind. Deshalb wurde von mir folgender
differenzierter Paraphrasierungsschlüssel entwickelt, der zusätzlich
die Textsorte “Bewertung” enthält und den Bezug der Aussagen
auf die Person des Erzählers oder auf andere Personen berücksichtigt:
|
bezogen
auf den Interviewten selbst
|
bezogen
auf andere Personen
|
|
Beschreibung
|
Beschreibung
und auch biographischer Kommentar
|
Beschreibung
|
|
Bewertung
|
biographischer
Kommentar
|
Argumentation
|
|
Begründung
(“weil”)
|
Argumentation
|
Argumentation
|
Es
hat sich bewährt, die Zuordnung schwer zuordenbarer Zitate in einem
zweiten Durchgang zu kontrollieren und gegebenenfalls zu vereinheitlichen. Dies
ist auch deshalb nötig, weil sich jeder Erzähler im Gebrauch dieser
Textsorten unterscheidet (“individuelles Erzählschema”) und
die optimale Zuordnung der Paraphrasierungstypen sich deshalb erst durch das
Paraphrasieren selbst entwickelt.
Praxis:
Datenreduktion und Abstraktion der Inhalte
Eine
Vorentscheidung für den Interpretationsvorgang war es auch, zwischen der
Ebene der Zitate und der Paraphrasen keine Datenreduktion im Sinne einer
Zusammenfassung von mehr als einem Zitat in einer Paraphrase vorzunehmen.
Datenreduktion ergibt sich hier nur als knappe Benennung der Zitate, die aber
in ihrem Inhalt noch nicht in irgend einer Form abstrahierend kodiert werden.
Dadurch bleibt die Weiterverwendung der Paraphrasen inhaltlich offen. Zwischen
der Ebene der Paraphrasen und der deskriptiven Kodes (Themen, Motive) und
zwischen diesen und den Oberthemen bzw. Leitmotiven findet zusammenfassende
Datenreduktion und inhaltlich abstrahierende Kodierung statt. Im Ausprobieren
und Finden eines methodisch geeigneten Weges ergaben sich Unterschiede zwischen
den 4 Interpretationen.
- W39
wurde als erster Text interpretiert und deshalb relativ stark inhaltlich auf
eine assoziative Weise durchdacht, es genügten also die beschriebenen
Reduktions- und Abstraktionsweisen, da ich über die inhaltlichen
Zusammenhänge ein deutliches Bild in der Vorstellung hatte. Aus den
Inhalten heraus bot sich eine positiv-negativ Strukturierung bei den Kodes an.
- W54
wurde anschließend nach der gefundenen Systematik systematischer aber
inhaltlich flacher bearbeitet, wodurch auf der Ebene der Kodes eine
zusätzliche zusammenfassende Kode-Ebene eingefügt werden mußte.
Die Systematik ersetzte dabei die starke Vertiefung in die inhaltlichen
Zusammenhänge. Die Oberthemen sind weniger (als bei W39) rein vertikal
aufgebaut - als Gipfel einer Pyramide, sie sind das horizontale Endergebnis der
Entwicklung der Memo-Themen.
- Bei
der darauffolgenden Interpretation von M53 und M42 wurde allerdings dann die
Reduktion zwischen Zitat und Paraphrase erhöht, indem einzelne im Text
aufgesplitterte Elemente der Erzählung mit einer Paraphrase
zusammenfaßt wurden (und die nun auch auf der Ebene der Zitate
miteinander verlinkt wurden), indem fast identische Aussagen, die aus erneutem
Erzählen von Teilen der Biographie entstanden, zusammengefaßt wurden
und indem manche Argumentationen schon kodierend zusammengefaßt wurden.
Praxis:
Kodieren: deskriptive Kodes
Nicht
nur die Benennung der Argumentationen bei der Paraphrasierung, sondern auch der
Kodes bei der anschließenden Kodierung erwies sich manchmal als nicht
unproblematisch. Es ist hier wieder der höhere Gehalt an klaren Aussagen
und Benennungen, der dazu verleitet, Themen nach Inhalten
“textgeneriert” zu benennen, die man inzwischen bei den
biographischen Kommentaren und Argumenten kennengelernt hat. Eine Benennung
nach biographischen Kommentaren und Argumentationen ist natürlich nur
für Motive sinnvoll, wodurch auch die Trennschärfe in der Benennung
von Themen und Motiven erhalten bleibt. Dies gilt besonders bei jenen
Geschichten und Beschreibungen, in die Benennungen aus biographischen
Kommentaren und Argumentationen auch hereinspielen, wobei das Aufgreifen dieser
im Text vorhandenen Benennungen im Zweifelsfall zu unterdrücken ist.
Manchmal ergab sich die Frage, wie denn nun Narratives in Vermeidung der aus
Eigentheoretischem stammenden Benennungen zu Kodieren sei, wenn offensichtliche
alternative Benennungsangebote im Text nicht vorhanden sind. Dieses Fehlen kann
durch eine Ausweiten des Analyseparadigmas kompensiert werden, indem, ausgehend
von einem “Text als Konstrukt”-Verständnis, dieses Konstrukt
immer nach dem Wie, Was und Warum der Konstruktion hinterfragt werden kann. Mit
der dadurch gewonnen Distanz zum Text bieten sich dann neue Beschreibungen des
Textes an. Zugespitzt läßt sich postulieren, daß ein Zitat
(wenn es eine genügend eingegrenzte Textstelle umfaßt) nur ein Motiv
beinhaltet, nämlich die Aussage, die es darstellt, und tendenziell
unendlich viele Themen – bei unendlich ausgeweitetem Analyseparadigma.
Die
Kodier-Reihenfolge entspricht der Wertigkeit der Paraphrasen im Rahmen der
Auswertung eines narrativen Interviews. Bei den narrativen Textteilen sind vor
allem die Geschichten narrativ hochwertig, weshalb zuerst daraus Kodes gebildet
werden d.h. Bedeutungen gesetzt werden, denen dann alle dazu brauchbaren
Beschreibungen zuerst einmal subsumiert werden, bevor aus Beschreibungen neue
Kodes gebildet werden. Neben dieser evidenten Reihung von narrativen Textteilen
und Paraphrasen hat sich bei den eigentheoretischen Textteilen und Paraphrasen
folgende Kodierreihenfolgen entwickelt: Zuerst wird aus jenen Teilen kodiert,
die am wenigsten argumentativ sind, d.h. aus den oft den Beschreibungen gar
nicht unähnlichen biographischen Kommentaren und Codas, danach erst aus
den Argumenten, und zwar aus jenen, die sich auf die eigene Person beziehen.
Nur wenn die bisher entstandenen Motive die Bedeutungen der Argumentationen zu
anderen Personen nicht abdecken, werden auch daraus noch neue Kodes gebildet.
Die
Auseinandersetzung mit der Umsetzung der gewählten Methode war eine die
ganze Auswertung begleitende Beschäftigung. Bis zuletzt blieb die
Einteilung der Textstellen in narrative und eigentheoretische ein Punkt der
Auseinandersetzung, bis ich schließlich zur Einsicht kam, daß diese
klar definierten Typen von Text meist nur eine Idealform beschreiben. In der
Praxis wird man wohl eher von Textstellen mit mehr narrativem oder mehr
eigentheoretischem Gehalt sprechen können, Textstellen, die immer auch den
anderen Typ von Text mit beinhalten. Aus einer solchen Sicht bedeutet die
genaue Befolgung der Vorlage von BLAUMEISER, daß durch die Kodierung
Themen entstehen, deren zugehörige Zitate (und Paraphrasen)
eigentheoretische Anteile haben, und Motive, deren zugehörige Zitate (und
Paraphrasen) narrativen Gehalt haben. In Konsequenz dieser Erkenntnis wurden
bei der Auswertung des letzten Interviews (M42) aus allen Paraphrasen Themen
und Motive kodiert, denn Geschichten und Beschreibungen können auch gut
reflektiert sein, dann werden sie sinnvollerweise mit Motiven kodiert, und
Codas, Kommentare und Argumente können auch explikationsbedürftig
sein, also auch Unreflektiertes beinhalten, weshalb daraus auch Themen
entstehen können. Dadurch entsteht nun mehr Klarheit aus Themen und
Motiven, die sich wirklich nur auf Narratives bzw. auf Eigentheoretisches
stützen. In der Folge verlagert sich die von BOHNSACK (1991 , 95)
beschriebene Hereinnahme der eigentheoretischen Anteile in die Interpretation
als Arbeitsschritt nach vorne: Nicht erst nach einer Interpretation des
ausschließlich Narrativen wird das Eigentheoretische im Zuge einer
“Wissensanalyse” mitberücksichtigt, diese Wissensanalyse
findet für jedes Zitat bzw. jede Paraphrase im Prozeß des Kodierens
statt. Ein weiterer Vorteil dieser Vorgangsweise ist die damit entstandene
Möglichkeit, das Verhältnis von Themen und Motiven in zeitlicher
Dimension zu berücksichtigen. Es werden nicht mehr nur bestimmte Themen
und Motive statisch erkannt, durch die Zitat-für-Zitat-Wissensanalyse
entlag der lebensgeschichtlichen Erzählung wird auch das Auftauchen und
Verschwinden von Themen und Motiven sichtbar, es wird sichtbar, wie Themen
durch die Reflexion des Interviewten zu Motiven werden (SCHÜTZE:
Prozeßstrukturen des Lebenslaufs).
Praxis:
Erfahrung und Reflexion
Eine
nachträgliche Reflexion der von mir gebildeten Kodes legt aufgrund einiger
darin für mich erkennbarer Regelmäßigkeiten nahe, daß die
Kodes nicht nur aus den Fällen heraus entstanden sind, sondern auch durch
andere Quellen angeregt wurden. Manche dieser Kodes wurden auch von
Fallauswertung zu Fallauswertung weitertransportiert.
- In
einigen Interviews mag “Aufstieg” eine mehr oder weniger wichtige
Rolle gespielt haben, meine Bereitschaft, diesen Begriff für diesen Kode
zu verwenden, kommt aber eventuell auch daher, daß ein nicht zur
Umsetzung gelangter Entwurf für diese Diplomarbeit “Aufstieg”
als einen zentralen Begriff behandelte.
- Meine
Bereitschaft manchen ErwachsenenbildnerInnen “Autonomie”
zuzuschreiben kommt sicher auch aus meiner Kenntnis von Elisabeth BRUGGERs
(1991a) Untersuchung über ErwachsenenbildnerInnen, in der dieser Begriff
immer wieder zur Beschreibung von Erwachsenenbildner verwendet wird.
- Der
Kode “Geschlechterverhältnis” stammt eindeutig aus meinem
latenten Vorhaben, Geschlechterspezifisches herauszufinden.
Neben
solchen jetzt nachträglich explizierten bei der Interpretation implizit
wirksamen detaillierten Vorstellungen, kann ich an der Art der Kodes einen
Drift in den psychologisierenden Kode erkennen. Zwar bleiben die Hypothesen im
sozialwissenschaftlichen Feld, aber etwa Vater- und Geschwisterbeziehungen
wurden für mich bei der Interpretation immer wieder auffällig.
[11]
Besonders verlockend ist dabei die Annäherung an die Konzepte der Grounded
Theory, die Ausgangspunkt für die Entwicklung von Atlas.ti waren. Die
Methode der Grounded Theory ist aber wegen ihren Anforderungen an das Sampling
mit meinem Vorgehen der Interviewten-Suche nicht kompatibel.
© 1998 