Pöhl Stefan: Lernbiographien von ErwachsenenbildnerInnen. Lebensgeschichtliche Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegestände von vier Südtiroler EwachsenenbilderInnen. (Diplomarbeit) Innsbruck 1998.
Gegenstände
der Biographieforschung
In
modernen Gesellschaften ist es dem einzelnen Menschen viel mehr als früher
möglich, das eigene Leben zu gestalten – und dieses Gestalten wird
in zunehmenden Maß auch eine Notwendigkeit, bis hin zur von Peter ALHEIT
(Universität Göttingen) sogenannten
“Schlüsselqualifikation Biographizität”. Diese
Selbstbestimmung kann auch mit vielfältigen Leidenserfahrungen verbunden
sein (BECK / BECK-GERNSHEIM 1990). Vor diesem Hintergrund wird die
Erwachsenenbildung zu einem gesellschaftlich bedeutsamen Ort der
Auseinandersetzung mit Biographien.
“Die
Erwachsenenbildung – von der Berufsberatung bis zur pädagogisch
inspirierten Sterbehilfe – bekommt somit zusätzlich zur Funktion der
Wissensvermittlung die der Begleitung von Biographien. Ihre Aufgabe wird es,
etwa die Wucht kritischer Lebensereignisse bzw. Statuspassagen abzufedern und
zur Lösung der dabei auftretenden individuellen Probleme beizutragen;
‚Lösungen‘, die vielfach in Prozessen der Renormalisierung der
Biographien bestehen, d.h. der Synchronisierung von individuellen
Veränderungsprozessen mit der Dynamik kollektivgeschichtlicher
Entwicklungsabläufe.” (KADE / NITTEL 1997, 746)
Bildung
und Biographie sind somit auch in der Erwachsenenbildung zum Gegenstand der
Forschung geworden. Daß aber gerade die Erwachsenenbildung die
biographische Methode aufgegriffen hat, liegt auch an der spezifischen
Bildungssituation der Lebensetappe Erwachsensein, die sich von der der Kindheit
unterscheidet (vgl. FINGER 1992, 9).
“Im
Unterschied zum Kind (...) schaut der Erwachsene in seinem Bildungsprozeß
nicht nur nach vorne, sondern mit zunehmendem Alter zurück. (...) In
dieser Retro-Perspektive kann sich der Erwachsene auf schon gemachte
Erfahrungen, schon angeeignetes Wissen und Kompetenzen abstützen. (...)
Deshalb hat neues Wissen für ihn nur Sinn, wenn es in seine Erfahrung und
sein Leben integriert, das heißt, wenn es assimiliert werden kann.”
(FINGER 1992, 9)
FINGER
nennt dies die “erkenntnistheoretische Rechtfertigung der biographischen
Methode in der Erwachsenenbildung”. Die eigene Biographie ist dabei stets
eine aus prinzipiell sehr vielen möglichen
Interpretationsmöglichkeiten der vergangenen Realität durch selektive
und beschreibende Erinnerung hergestellte, erst daraus entsteht das
Individuum.
BECK faßt das Individuum nicht nach NIETZSCHE als Unteilbares auf,
sondern geradezu als “Dividuum”, das erst mit dem Akt des
Erzählens eine Einheit wird (vgl. auch VÖLZKE 1993, 28).
“Erst
wenn die Menschen nicht nur fragen und sich erinnern: ‚Wer bin ich? Wie
bin ich geworden, der ich bin?‘, sondern dies auch erzählen, beginnt
dieser seltsame Zwang, die Einheit einer Biographie in der Erzählung des
eigenen Lebens herzustellen. Ist das Individuum die Erfindung der
Erzählung von ihm? Ist die Geburt die Legende des Individuums, seine
Passform, die wir dann herstellen, wenn wir uns ‚ausweisen‘ und
rechtfertigen müssen? Ist die Einheit also die Erzählform einer
unendlich zergliederten Vielheit und Widersprüchlichkeit der
Lebensverzweigungen- und Ströme, die wir gar nicht benennen, auf die wir
nur verweisen können, die wir aber dann behaupten und mit Messern und
Klauen verteidigen, wenn wir wie Schüler aus unserem Selbstschlaf gerissen
werden und auf die Frage des Lehrers: ‚Wer bist Du?‘ antworten
müssen?” (BECK 1995, 44f)
Bezogen
auf Bildungsbiographie und Erwachsenenbildung bedeutet das die Konstruktion
einer
kohärenten
Bildungsbiographie
.
“In
dieser Retro-Perspektive schließlich denkt sich der Erwachsene als
einheitliche Person. Alle Erfahrungen, die in dieser Retro-Perspektive in sein
Blickfeld gelangen, haben deshalb einen inhärenten Zusammenhang. Mit
anderen Worten, die biographische Methode zwingt den Erwachsenen, seine
Bildungsbiographie als Einheit zu verstehen und Weiterbildung
ausschließlich als Kontinuität dieser Einheit, als ständig
kohärenten Bildungsprozeß zu betreiben. Dies ist meiner Meinung nach
die wichtigste Leistung der biographischen Methode in Hinblick auf den
Bildungsprozeß von Erwachsenen.” (FINGER 1992, 10)
Biographiebezogene
Teilnehmerforschung in der allgemeinen Erwachsenenbildung
In
der Erwachsenenbildung scheint eine gewisse Diversifizierung eingetreten zu
sein, ein Hinwendung zu Detailthemen wie “nichtintendierte
Lernprozesse” (ALHEIT / DAUSIEN 1996), “unspektakuläres
Sprachenlernen” (KASCHUBA 1996), Frauenbiographien, ... aus
ländlichen Regionen, Emigrantinnen. Die Erkenntnisse aus diesen
Forschungen führen immer wieder zu Kritik an geltenden bildungspolitischen
Kategorien.
Empirische
Erkenntnisse zur Lerngeschichte und zum biographischen Entstehen von
Bildungsinteressen anhand von Interviews und einer Systematisierung der bis
dahin erschienen Literatur veröffentlichte Horst SIEBERT (Universität
Hannover) bereits
1985
(vgl. FAULSTICH-WIELAND 1996, 117). In mehreren Studien und Fallanalysen
untersuchte Jochen KADE (Universität Frankfurt) die Bedeutung der
Erwachsenenbildung bei der Konstruktion und Rekonstruktion von Biographien
(vgl. KADE / NITTEL 1997, 747). Dabei ging KADE
1986
in Fallanalysen dem Beruf als “negatives Zentrum”, als
identitätsstiftendes Merkmal von diffusen Bildungsbiographien nach.
Gegenkräfte zur Berufsabhängigkeit von Biographien wurden von KADE
1987
in Fallanalysen an beruflich, kulturell und politisch zentrierte
Bildungsbiographien aufgezeigt. Ebenfalls
1987
untersuchte Hermann BUSCHMEYER die Bedeutung der Teilnahme an
Bildungsveranstaltungen im Zusammenhang mit der Lebensgeschichte Erwachsener im
Rahmen eines forschungsbezogenen Lernprojekts (ebd., 746f), wobei sich die
Teilnehmerwünsche im Unterschied zu den vielschichtigen Teilnehmermotiven
als manifest herausstellten. In einer empirischen Studie untersuchte Jochen
KADE
1989
die biographische Aneignung von Bildungsangeboten an der Volkshochschule, dabei
zeigte sich die Prävalenz der Bestimmung der Aneignung von Angeboten der
Erwachsenenbildung durch Bildungs- und Berufsbiographien gegenüber von
institutionellen Arrangements und professionellen Handlungsstrategien (ebd.,
747). Im Rahmen einer polnisch-deutsch-österreichischen
1993
veröffentlichten Studie zur vergleichenden Bildungsforschung von
“Lernprojekten Erwachsener” untersuchte Michael SCHRATZ
(Universität Innsbruck) biographische Aspekte in den Bildungsgeschichten
Erwachsener (vgl. SCHRATZ 1993). Im Mittelpunkt steht dabei die Relevanz von
kritischen Lebensereignissen und daraus erwachsender Krisen für
Lernprozesse. Dabei zeigt sich, daß Ausbildungswege abgebrochen und neue
Lernmöglichkeiten gesucht werden, die vor allem weniger abstrakt als
vorhergehende sind und nach einer Latenzphase angegangen werden.
Erwachsenenbildung kann dabei eine therapeutische Wirkung hervorrufen,
höhere Bildung kann in Krisensituationen präventiv wirken. Als Themen
von Lernprojekten sind Frau und Umwelt hervorgetreten. Im Anschluß an
eine Studie von 1993 untersuchten Jochen KADE und Wolfgang SEITTER in einer
1995
veröffentlichten empirischen Studie die biographisch bestimmte Autonomie
und Pluralität der Aneignung von Bildungsangeboten aus der Perspektive des
lebenslangen Lernens, bezogen auf den institutionellen Kontext des Funkkollegs.
Sie gibt Aufschluß über “die Bedeutung des Lernens im Kontext
individuell und generationsmäßig unterschiedlicher biographischer
Prozesse sowie über die Strategien der Durchsetzung langjährigen
Lernens gegenüber konkurrierenden Lebensansprüchen im Alltag”
(KADE / NITTEL 1997, 748). Rudolf EGGER (Universität Graz) untersuchte in
einer
1995
vorgelegten Habilitationsschrift Prozeßstrukturen moderner
Bildungsbiographien anhand von 20 narrativen Interviews (vgl. FAULSTICH-WIELAND
1996, 118). Dabei zeigt sich als tragender Impuls von Bildungsprozessen ein
weitgehendes Offenhalten der Biographie und der Versuch
Handlungsspielräume biographisch auszuloten. Die Selbstverständnisse
von Bildung lassen sich dabei zwischen den Polen eines “Synchronisations-
und Integrationsmodells” und eines “Wandlungs- und
Widerspruchsmodells” eintragen (vgl. EGGER 1996, 44).
Spezielle
Teilnehmergruppen: Alte, Frauen, Behinderte, Studenten / Fernstudenten /
zweiter Bildungsweg
Im
Rahmen von
biographischer
Forschung mit Alten im Kontext von Bildung
stammt eine Reihe von Forschungsarbeiten von Hermann BUSCHMEYER zum Thema
Aufarbeitung von Geschichte bzw. Älterwerden und Bildung (vgl.
FAULSTICH-WIELAND 1996, 119). Sylvia KADE untersuchte in einem
1992
veröffentlichten Forschungsprojekt die Bedeutung des Lernens im
Lebenshaushalt älterer Menschen, wobei sich zeigte, daß die
“Dauerreflexion von Biographie inzwischen auch den Alltag im Alter
eingeholt hat” – oft gegen den Willen der Älteren (vgl. KADE /
NITTEL 1997, 749).
1995
veröffentlichten Wilhelm MADER (Universität Bremen) biographische
Rekonstruktionen und Lebenslaufevaluationen im Alter und Lena
LÖDIGE-RÖHRS eine Interviewauswertung hinsichtlich altersstereotyper
Zuschreibungen beim EDV-Lernen älterer Erwachsener (vgl. FAULSTICH-WIELAND
1996, 119).
Im
Rahmen von
biographischer
Forschung mit Alten im geschichtswissenschaftlichen Kontext
kam es im Zuge der Etablierung einer narrativen Geschichtswissenschaft zu einer
Weiterentwicklung der biographisch orientierten Geschichtsforschung in den
Bereich der biographischen Bildung von Alten. Die Gegenstände dieser
Biographieforschung mit Alten sind allerdings nicht explizit bildungsbezogen,
sie behandeln zeitgeschichtlich und sozialhistorisch relevante Themen wie
“Weihnachten als soziale Zeit” (
1993)
und “50 Jahre danach - Österreich erzählt von Stalingrad”
(vgl. BLAUMEISER 1994, 19). Über die Behandlung von einzelnen Themen
hinaus geht es dieser sozialhistorischen Forschung um das “Modell
Ottakring”
(1987)
und die “Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen” in
Wien (vgl. BLAUMEISER 1993, 36).
Eine
weitere spezielle Teilnehmergruppe der Erwachsenenbildung, die Zielgruppe der
Biographieforschung ist, sind Frauen, entweder im Rahmen von
rein
frauenspezifischer Biographieforschung oder von biographieorientierter
Bildungsforschung, die die Situation der Frau berücksichtigt
.
In einer
1980
begonnenen Langzeitstudie von FRIEBEL / FRIEBEL / TOTH über die Bildungs-
und Lernprozesse Erwachsener mit Blick auf die Weiterbildungskarrieren von
Schulabgängern der Schulabschlußkohorte 1979 zeigt sich im
Lebenslauf aufgrund des geschlechterspezifischen Lebenszusammenhanges eine
“zunehmende Abmeldung von Frauen” und “wachsende Anmeldung
der Männer” in der Weiterbildung, so daß das Geschlecht
weiterhin als das zentrale Organisationsprinzip sozialer Ungleichheit gilt
(vgl. FRIEBEL / ESKAMP / FRIEBEL / TOTH 1996). Im Rahmen der schon oben
erwähnten Studien von Jochen KADE (
1985)
über die Bedeutung der Erwachsenenbildung bei der Konstruktion und
Rekonstruktion von Biographien, wurde in einer Fallanalyse mithilfe des
biographischen Zuganges die nicht-lineare Bewegungslogik von Bildungsprozessen
rekonstruiert. Dabei stellt sich über biographische Umbruchsituationen
hinweg als innerer Zusammenhang einer längeren Beteiligungssequenz einer
Hausfrau an Bildungsveranstaltungen eine “diffuse
Zielgerichtetheit” heraus, wobei der Beruf als identitätsstiftendes
Merkmal das “negative Zentrum” bleibt (vgl. KADE / NITTEL 1997,
747). In einer Untersuchung im Zeitraum 1989 bis
1991
interviewten Gerrit KASCHUBA und Wulfhild REICH Frauen in einer ländlichen
Region hinsichtlich des Stellenwertes von Bildung in den Lebensentwürfen
auf dem Hintergrund ihrer Erfahrungsräume. Es zeigte sich eine
“kulturelle Weiterbildung” der Frauen im Sinne offener und
vielfältiger Praxisformen, der aber oft das Kompetenzbewußtsein
über die eigenen Fähigkeiten fehlt. Weiterbildung kann dieses
Bewußtsein schaffen und ein “Ausprobieren” in individuellen
Stufenmodellen ermöglichen (vgl. KASCHUBA 1996). In der Studie von Michael
SCHRATZ von
1993
zu den Lernprojekten Erwachsener, in der auch auf biographische
Umbruchsituationen Bezug genommen wurde, stellte sich das Lernprojekt Frau als
relevant heraus. Es handelt sich dabei um den Beginn und die Veränderungen
von weiblichen Individualisierungs- und Emanzipationsprozessen, die durch
einmal aufgegriffene Bildungsangebote vorangetrieben und unumkehrbar gemacht
werden, und in denen weitere Bildung als Stütze in der durch die eigene
Emanzipation verunsicherten Umgebung gebraucht wird (vgl. SCHRATZ 1993,
106-115). EGGER ordnet in seiner Studie von
1995
über die Prozeßstrukturen moderner Bildungsbiographien dem dabei
gefundenen “Wandlungs- und Widerspruchsmodell” vor allem Frauen zu.
Nicht eine instrumentelle Einstellung zur Bildung, sondern Bildungshandeln als
eine “permanent zu erbringende praktische Konstruktionsdimension von
personaler Qualität” zeigt sich vor allem in Frauenbiographien als
Ausdruck einer komplexer und reflexiver werdenden Lebensführung (vgl.
EGGER 1996, 45). In einer
1995
veröffentlichten Fallanalyse untersuchte Ursula RABE-KLEBERG
(Universität Halle) wie weibliche Biographien als Bildungsbiographien
beschrieben werden können, mit dem Ergebnis, daß Bildung weibliche
Lebensläufe nach anderen Grundmustern prozessiert als männliche und
daß Frauen Bildung nicht nur als etwas dem Leben äußerliches
Betrachten, sondern als Ressource für die individuelle Lebensgestaltung
(vgl. RABE-KLEBERG 1995). An einer
1996
veröffentlichten Fallanalyse untersuchten Peter
ALHEIT
und Bettina DAUSIEN Bildung als “biographische Konstruktion” und
zeigen anhand einer Frauenbiographie nichtintendierte Lernprozesse durch
Erwachsenenbildung auf, wobei die extrafunktionale aber dem biographischen
Prozeß entsprechende Lernerfahrung die Hauptlernerfahrung ist. Bildung
fungiert dabei als individuelle biographische Brückenkonstruktion und
Begrenzungsüberschreitung hin zur Realisierung des Parallel-Lebensentwurfs
Beruf (vgl. ALHEIT / DAUSIEN 1996). In einer größeren Studie
untersucht Wolfgang SEITTER (
1996)
Bildungsbiographien spanischer Emigrantinnen, deren Migrationsbiographien sich
in hohem Maß als Bildungsbiographien erweisen (vgl. KADE / NITTEL 1997,
749).
Eine
auf die
Teilnehmergruppe
Behinderte
bezogene und
1980
veröffentlichte Studie erstellte Erika SCHUCHARDT. Sie untersuchte den
Umgang mit kritischen Lebensereignissen im Medium Erwachsenenbildung anhand
schriftlich verfaßter Autobiographien und machte damit deutlich,
daß die Verarbeitung von Lebenskrisen neben emotionalen Implikationen
auch kognitive Implikationen besitzt (ebd., 749).
Die
Teilnehmergruppe Fernstudentin
untersuchten
1980
HEINZE / KLUSEMANN / SOEFFNER. Anhand der Bildungsgeschichte einer
Fernstudentin an der Fernuniversität Hagen wurden die individuellen Motive
und soziokulturell angelegten Ursachen für die Wahl des Fernstudiums
geklärt (ebd., 748). Die
Teilnehmergruppe Absolventen des zweiten Bildungsweges
untersuchte Hartmut WOLF
1985.
Die untersuchten Lebensgeschichten zeigen die “individuellen
Kosten” des sozialen Aufstiegs via Bildung, etwa als “biographische
Asynchronität” (ebd., 748). Die
Zielgruppe
Studenten
untersuchten in der ersten Hälfte der
achtziger
Jahre KOKEMOHR / MAROTZKY. Die Untersuchung der Konstellationen, unter denen
Studierende die komplexen Bedingungen der Institution Universität
biographisch verarbeiten, zeigen die moderne Massenuniversität als Ort
riskanter Biographien, in denen Erfolg und Scheitern eng bei-einanderliegen;
Studienerfahrungen erweisen sich auch als biographische Bildungsprozesse (ebd.,
748).
Biographiebezogene
Teilnehmerforschung in der beruflichen Erwachsenenbildung
Weiterbildung
kann, wie Arbeiten von MÜLLER
1972,
NOLL
1987
und DAZIO
1980
zeigen, berufliche Dequalifizierungsprozesse entscheidend verzögern und
den beruflichen Statusaufstieg fördern. In vom Max-Plank-Institut für
Bildungsforschung vorgenommener
Lebenslaufforschung
zeigte sich aber anhand von Längsschnittstudien, “daß die
soziale Selektivität beim Zugang zur Weiterbildung die soziale
Benachteiligung in der ersten Bildungsphase reproduziert, ja vielleicht sogar
noch verstärkt” wird (NITTEL 1996, 14), womit vor allem
geschlechtsspezifische Ungleichheiten gemeint sind. Weiterbildung ist also
nicht das Mittel gegen Chancenungleichheit, denn es kommt vielmehr zu einer
Feminisierung der allgemeinen und zu einer Maskulinisierung der beruflichen
Erwachsenenbildung (ebd.). Seit
1980
läuft eine Langzeitstudie von Harry FRIEBEL, Rita FRIEBEL (beide
Hochschule für Wirtschaft und Politik Hamburg) und Stefan TOTH über
die Bildungs- und Lernprozesse Erwachsener mit Blick auf die
Weiterbildungskarrieren von Schulabgängern der Schulabschlußkohorte
1979. Diese noch unabgeschlossene Studie kombiniert quantitative und
qualitative Methoden und fokussiert auf die Weiterbildungskarrieren (vgl. KADE
/ NITTEL 1997). Es zeigt sich, daß die Untersuchten einer
“Dilemma-Kohorte” angehören, die zwischen Bildungsoptionen und
Arbeitsmarktrestriktionen steht, und sich Individualisierungskonstrukten
zuwendet. Die berufliche Weiterbildung stellt sich dabei als “doppelte
Wirklichkeit” heraus, denn die unscharfen Kontextbedingungen der
Weiterbildung lassen sich widersprechende Zurechnungsschemata – der
individuellen (Teilnehmer) und institutionellen (Initiatoren der beruflichen
Weiterbildung) – jeweils passend erscheinen. Die Voraussetzung dafür
liegt im geringen Organisationsgrad der Weiterbildung, die sie mit den
Individualisierungs- und Selbstbestimmungswünschen der Teilnehmer
vereinbar erscheinen läßt (vgl. FRIEBEL / ESKAMP / FRIEBEL / TOTH
1996, 30). HARNEY / KADE untersuchten in einer
1990
veröffentlichten, mit biographischen Interviews geführten Fallstudie
die generationsspezifischen Bildungs- und Karriereerfahrungen von
Industriemeistern und Meisterkursabsolventen im betrieblichen Kontext. Dabei
zeigte sich seit den sechziger Jahren ein Übergang von der auf
Abschluß hin angelegten Berufsbiographie zur Weiterbildung als
“biographische[m] Endlosprogramm” (vgl. KADE / NITTEL 1997, 749f u.
NITTEL 1996, 15f). Sybille PETERS untersuchte in einer
1991
veröffentlichten Studie mittels mehrfach kombinierter Quer- und
Längsschnittauswertung von fünf Interviewreihen die Veränderung
des biographischen Selbstverständnisses von arbeitslosen Un- und
Angelernten im Prozeß der betrieblichen Umschulung. Die
lebensgeschichtlich erworbenen Lernerfahrungen der Arbeitslosen zeigten sich
dabei als bestimmend für Veränderungen (vgl. NITTEL 1996, 749).
Weiterbildungs- und Arbeitsmarktchancen von drei Geburtskohorten untersuchte
Rolf BECKER in einer
1993
veröffentlichten Längsschnittstudie. Der Weiterbildungsanteil erweist
sich dabei als mit jüngerwerdenden Kohorten ansteigend, wogegen die
weiterbildungsintensivste Zeitspanne vom 22. bis zum 27. Lebensjahr über
die Generationen gleich bleibt (ebd., 14). Eine Reihe von berufsbiographischen
Themen unter dem Blickwinkel von Arbeit und Bildung veröffentlichte
darüber hinaus Peter ALHEIT (ebd., 1996).
Biographiebezogene
Professionsforschung in der Erwachsenenbildung
Biographische
Professionsforschung über
hauptberufliche,
organisatorisch tätige Erwachsenenbildner
:
In einer
1989
veröffentlichten Studie von Wiltrud GIESEKE untersuchte diese auf der
Basis von narrativen Interviews den Habitus von ErwachsenenpädagogInnen,
die als hauptberufliche pädagogische Mitarbeiter mit der Planung und
Organisation von Bildungsveranstaltungen zu tun haben. Im Zuge der Aneignung
der beruflichen Realität zeigten sich dabei vier Formen von Verarbeitung
von Orientierungsproblemen: der Differenzierungsmodus, der
Spezifizfierungsmodus, der Reduktionsmodus und der Reflexionsmodus (vgl. KADE /
NITTEL 1997, 750). Diese Aneignungsmuster sind dauerhaft und biographischen
Ursprungs und nicht mit der beruflichen Sozialisation erst neu entstanden,
andererseits folgt aber die Aufschichtung verschiedener Erfahrungswelten
bestimmten impliziten Mustern (vgl. GIESEKE 1995).
In
einer
1989
abgeschlossenen biographisch-qualitativen und quantitativen Studie untersuchten
Matthias FINGER (Universität Lousanne) und Hubert
BAUSCH
die Bildungsprozesse von ErwachsenenbildnerInnen, wobei nicht nur Personen aus
dem organisatorischen Bereich der Erwachsenenbildung berücksichtigt
wurden. Sie identifizierten in der Deutschschweiz vier Typen von
ErwachsenenbildnerInnen und fünf Muster von Bildungsprozessen bei
erwachsenen Lernenden; aus der Entsprechung dieser beiden Typologien
entwickelten sie eine Theorie der verschiedenen Funktionen, die Lernen in den
Bildungsprozessen von Erwachsenen hat. Die Elemente einer Theorie der
Bildungsprozesse von Erwachsenen stellen die Lebenswelt und neun identifizierte
polare Spannungsfelder und das Überwinden dieser Spannungsfelder mittels
Lernprozessen dar; für eine Theorie der ErwachsenenbildnerInnen
kristallisierten sich vier Elemente heraus (z.B. Erwachsenenbildung als
Weiterführung des Bildungsprozesses von ErwachsenenbildnerInnen [vgl.
FINGER / BAUSCH 1991]). In einem Vergleich von drei Studien über den
beruflichen Weg in die Erwachsenenbildung von hauptberuflichen
ErwachsenenbildnerInnen in den USA, der Schweiz (s.o. FINGER) und
Österreich bestimmte
1991
Elisabeth BRUGGER (Verband Wiener Volksbildung) besonders subjektive Faktoren
als entscheidend für die Berufswahl; sie nennt Faktoren wie: die Suche
nach Herausforderung, die Verbindung von Hobby und Beruf, eine frühe
Sensibilität für Erwachsene, der Wunsch sich außerhalb von
Normen bewegen zu können und das Interesse an der eigenen
Weiterentwicklung. Für die Karriere der ErwachsenenbildnerInnen sind dabei
vor allem die zwei Erfahrungs-Arten eigener Bildungsweg und gesellschaftliche
Einflüsse relevant (vgl. BRUGGER 1991a). Im österreichspezifischen
Teil dieses Studien-Vergleichs, einer auf lebensgeschichtlichen Interviews mit
zweiundzwanzig hauptberuflichen ErwachsenenbildnerInnen basierenden Studie,
beschreibt BRUGGER die untersuchten Erwachsenenbildner als sozial und politisch
engagiert, mit einer in der Regel äußerst hohen Identifikation mit
der jeweiligen Einrichtung, wobei wegen der beginnenden Professionalisierung
die in leitenden Positionen tätigen Erwachsenenbildner meist schon
Akademiker sind. Die Tätigkeit als hauptberufliche ErwachsenenbildnerIn,
die auf einer Vielfalt von Eingangsqualifikationen beruht, ist das Ergebnis
einer “zweiten Wahl”, gleichzeitig verhilft das nicht vorhandene
Berufsbild des Erwachsenenbildners der “persönlichen Note” der
hauptberuflichen ErwachsenenbildnerInnen zu einer hohen Bedeutung (vgl. BRUGGER
1991b).
1991
veröffentlichte schließlich Dieter NITTEL eine Untersuchung zum
Programmplanungshandeln (vgl. GIESEKE 1995, 71).
Biographische
Professionsforschung über
KursleiterInnen
in der Erwachsenenbildung
:
In mehreren
1985
und
1989
veröffentlichten Fallstudien untersuchte Jochen KADE die biographisch
konstituierte Berufsidentität von KursleiterInnen bezogen auf thematisch
und methodisch unterschiedliche Bildungsveranstaltungen:
“So
wird die Kursleitertätigkeit als biographische Konsequenz aus der
spannungsreichen Suche nach einer Einheit von Arbeit und Leben, als notwendiges
Moment einer dynamischen Biographie, als berufsbiographischer Schwebezustand
oder als Möglichkeit der Selbstverwirklichung zwischen Hobby und Beruf
rekonstruiert.” (KADE / NITTEL 1997, 750)
Biographische
Professionsforschung über
in
Weiterbildung / Ausbildung befindliche Erwachsenenbildner
:
Die beiden letztzitierten Studien kommen in ihren Ergebnissen für die
Ausbildung der Erwachsenenbildner zu ähnlichen Schlußfolgerungen.
BRUGGER erkennt hinsichtlich einer einschlägigen Ausbildung der
Erwachsenenbildner Grenzen: Kompetenzen aus den Lebenserfahrungen
hauptberuflicher Erwachsenenbildner können nicht ersetzt werden (vgl.
BRUGGER 1991a, 128f). Für die Fortbildung andererseits sieht KADE die
Grenzen in einer konventionellen, wissenschaftlich belehrenden Fortbildung, da
eine solche dem biographisch tief verwurzelten pädagogischen Selbst- und
Handlungsbewußtsein der KursleiterInnen widerspricht (vgl. KADE / NITTEL
1997, 750). Die Frage nach der Entscheidung, ein Weiterbildungsstudium
aufzunehmen und nach dafür prädestinierenden biographischen Mustern
beantwortete Peter ALHEIT in einer Fallstudie
1995
mit der Auswertung von biographischen Interviews von Einsteigern in einen
universitären Weiterbildungsstudiengang. Es stellt sich eine
Komplementarität zwischen den “Patchwork”-Biographien der
Studieneinsteiger (der jüngeren Generation) und dem zunehmend
patchworkartigen Lehrangebot im Weiterbildungsstudium heraus, was die
Herausbildung eines professionellen Habitus geradezu blockiert. ALHEIT arbeitet
dabei zwei generationsspezifische Biographietypen heraus, von denen die
ältere Generation als “Öffnungsgewinner” von der
Öffnung des sozialen Raumes profitiert hat, während die der
jüngeren Generation angehörenden Studienanfänger als
“Öffnungsverlierer” zu “Patchworkern” wurden, die
ihr “biographisches Typisierungsarsenal” zum wiederholten Mal
umgruppieren müssen und dementsprechend ihre biographischen Erfahrungen im
beruflichen Bereich nicht als Ressourcen verwenden können (vgl. ALHEIT
1995).
Biographische
Professionsforschung über
in
betrieblicher Weiterbildung tätige Erwachsenenbildner
:
In einer
1983
veröffentlichten Studie über Biographieverläufe von
Betriebspädagogen erkennt Rolf ARNOLD eine Diskrepanz zwischen dem
anspruchsvollen pädagogischen Handeln und dem semiprofessionellen Status
von Betriebspädagogen, eine Professionalisierung soll allerdings nicht
eine Verwissenschaftlichung im Sinne eines technologischen Verständnisses
pädagogischen Handelns bedeuten. Klaus HARNEY und Dieter NITTEL
untersuchten in einer
1995
veröffentlichten Fallstudie im Zuge der Analyse von biographisch
erworbenen Habitusformen den Prozeß der Professionalisierung für die
Personalwirtschaft im Kontext von Studium und Biographie, wobei sich die
Personengruppe der Erwachsenenbildner im Kontext der betrieblichen
Weiterbildung als nicht besonders wirtschaftsfreundlich gesinnt herausstellte.
In Zusammenhang mit dieser Studie steht die
1996
von Dieter NITTEL und Winfried MAROTZKY veröffentlichte Rekonstruktion
einer Biographie eines in der Wirtschaft tätigen
Erwachsenenpädagogen. Diese Rekonstruktion geschah aus der Sicht
unterschiedlicher Disziplinen und mit Blick auf den Zusammenhang von
Lernstrategien und Subjektbildung.
Weitere
Gebiete der Biographieforschung
- Die
“biographiebezogene Institutions- und Organisationsforschung”
untersucht mit Konzepten und Methoden der Biographieforschung Einrichtungen der
Erwachsenenbildung im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen.
Im Rahmen einer “biographiebezogenen Geschichtsforschung und
Erzählforschung” wird dabei auch die Geschichte der
Erwachsenenbildung über Zeitzeugen zur Erwachsenenbildung aufgearbeitet
(vgl. KADE / NITTEL 1997, 752f).
- Erziehungswissenschaftliche
Biographieforschung, betrieben vor allem von einer Gruppe innerhalb der
Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) seit 1978;
Vertreter sind Dieter BAAKE, Theodor SCHULZE, Heinz-Herrmann KRÜGER und
Winfried MAROTZKY (vgl. FAULSTICH-WIELAND 1996, 119f).
© 1998 