Pöhl Stefan: Lernbiographien von ErwachsenenbildnerInnen. Lebensgeschichtliche Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegestände von vier Südtiroler EwachsenenbilderInnen. (Diplomarbeit) Innsbruck 1998.
Explikation
“Lernen”:
formales, nicht-formales, formelles, informelles
Vor
der Explikation von Lernbegriffen sei hier zuersteinmal eine Aussage von
Friedmann MAURER wiedergegeben, die dazu beitragen soll, das allgemein
vorhandene Verständnis zu relativieren, daß Lernen schulisches
Lernen sei. Der im Zitat angesprochene hypothetische Lernbegriff setzt
eigentlich den “Aufbau von Lebenssinn” mit Lernen gleich.
“Bei
dieser Festlegung des Lernbegriffs auf dessen hypothetische Funktion empfinden
wir etwas von der ‚großen Schwierigkeit‘, Worte aus ihrer
festen falschen Beziehungen zu lösen von der Hugo von Hoffmannsthal einmal
spricht. Daß die Frage zu stellen, was Lernen ist, den modernen Menschen
ohne die penetrante Nachbarschaft von Begriffen wie Schule, Unterricht,
Curriculum, Motivation, Reaktion, Transfer usf. gar nicht mehr möglich zu
sein scheint, hat zunächst einen entwicklungsgeschichtlichen Grund.”
(MAURER 1981, 110)
Womit
vor allem die Auswirkung unserer “hochdifferenzierten Gesellschafts- und
Lebensformen” gemeint ist.
Die
nun in dieser Arbeit verwendeten Lernbegriffe entsprechen sicher diesem
gesellschaftlichen Kontext: Ein Lernbegriff, der sich nach dem Erreichen von
anerkannten Abschlüssen und Zertifikaten richtet, ist der des
formalen
Lernens
bzw. des
nicht-formalen
Lernens
,
falls solche Abschlüsse und Zertifikate nicht gegeben sind. Die
Unterscheidung von
formellem
Lernen
und
informellem
Lernen
richtet
sich danach, inwieweit Lernen planmäßig in besonderen
Bildungsveranstaltungen erfolgt oder ein offenes Lernen an akuten Aufgaben und
Herausforderungen in wechselnden Lebens- und Arbeitssituationen ist. Das
inzidenzielle
Lernen
ist
ein nicht geplantes, nicht beabsichtigtes und oft auch unbewußtes
Gelegenheitslernen, das sich häufig als Nebenprodukt aus andern
Tätigkeiten ergibt. (Vgl. DOHMEN 1996, 29f) Im Rahmen dieser Arbeit ist
meist nur die Differenzierung von formellem und informellem Lernen relevant, da
die Tatsache der Zertifizierung von Bildung hier keine vordergründige
Rolle spielt.
Weiter
Begriffe in dieser Arbeit können in die Nähe eines Lernbegriffs
gestellt werden: Die “biographische Reflexion”
[14],
wird besonders durch die Kategorie des “biographischen Kommentars”
in der erzähl- und biographietheoretischen Interpretation auffällig.
Sie ist zu unterscheiden vom “biographischen Lernen”, da dieses in
der Literatur eigentlich nur als formales biographisches Lernen aufscheint. Der
verwendete Begriff des “selbständigen Lernens” steht sicher
den Begriffen “selbstgesteuertes und selbstorganisiertes Lernen”
nahe, was aber nicht abgeklärt wurde (vgl. DOHMEN 1996), gleich wie der da
und dort naheliegende aber unverwendete Begriff des “lebenslangen
Lernens”.
“Biographie”,
“Lernbiographie” – Forschungsfrage
Eine
“allgemeine Definition” des Begriffs “
Biographie”
liefert Peter ALHEIT mit der Darstellung der Geschichte des Begriffs:
“Biographie
(griech.: Lebensbeschreibung) ist ein literarischer, philosophischer und
wissenschaftlicher Begriff mit langer Tradition, die an die historische
Entwicklung der Verhältnisse von Individuum und Gesellschaft gebunden ist.
Als literarische Gestaltungsform ist Biographie bereits im
griechisch-römischen Altertum bekannt. Ihre spezifisch moderne Bedeutung
erhält sie freilich mit der Herausbildung des bürgerlichen
Individuums, in Europa seit der italienischen Renaissance des 14. und 15.
Jahrhunderts, in Deutschland seit dem späten 18. Jahrhundert.”
(ALHEIT / DAUSIEN 1990, 7)
Erst
im 17. Jahrhundert gelangt der Begriff “Biographie” in den
allgemeinen Sprachgebrauch, und zwar als Bezeichnung einer literarischen
Gattung, was auch als Indikator für neue “moderne”
Lebenslaufformen mit biographischen Selbstdeutungen der Subjekte der
neuentstehenden bürgerlichen Gesellschaft zu werten ist. Insgesamt handelt
es sich dabei aber um einen langdauernden und komplexen Prozeß der
“Biographisierung”, der unterschiedlich schnell je nach Land,
Klasse und Geschlecht verläuft. Der Begriff “Biographie” wird
heute alltagssprachlich verbreitet gebraucht, seine Bedeutung verschiebt sich
aber modebedingt und ist wenig abgegrenzt zu ähnlichen Begriffen. Nach
seinem Auftauchen am Beginn der Neuzeit wird Biographie auch vermehrt
Gegenstand der sich ausdifferenzierenden Einzelwissenschaften (ALHEIT 1990,
10ff). ALHEIT definiert den Begriff “Biographie” auch in einer
aktuellen, “lexikalischen” Definition:
“Biographie
kann vorläufig als individuelle Lebensgeschichte definiert werden, die den
äußeren Lebenslauf, seine historischen und gesellschaftlichen
Bedingungen und Ereignisse einerseits und die innere psychische Entwicklung des
Subjekts andererseits in ihrer wechselseitigen Beziehung darstellt. In der
Biographie findet somit die Dialektik von Gesellschaft und Individuum einen
konkreten historischen, sozialen und leiblich-lebendigen Ausdruck. Diese
allgemeine Bestimmung wird in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und
Theorietraditionen unterschiedlich ausformuliert.” (ebd., 8)
Für
den Bereich der Sozialwissenschaften ist eine abgrenzende Definition hilfreich.
“Im
Kontext der gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Biographieforschung ist
eine Abgrenzung zum soziologischen Begriff des
Lebenslaufs
sinnvoll, der eher äußere Strukturmomente, Fragen der
gesellschaftlichen Konstitution, der Abfolge von Statuspassagen usw.
betont.” (ebd., 8)
Ähnlich
formuliert dies Ulrich BECK:
“In
der Biographieforschung wird unterschieden zwischen ‚Lebenslauf‘
als der Verkettung tatsächlicher Ereignisse und der
‚Biographie” als der Erzählform der Ereignisse – was
keineswegs zusammenfallen muß.” (BECK 1995, 12)
Die
“Erzählform der Ereignisse” verweist auf den
Konstruktionscharakter von Biographie, sei es als Autobiographie, als
erzählte “
Lebensgeschichte”,
als lebensgeschichtliches Gespräch, oder als Biographie (die eine Person
über eine andere erstellt). Die Biographie als selektierende Konstruktion
kommt in den Bindestrich-Biographien zum Ausdruck: emotionale Biographie,
Bildungsbiographie, Lernbiographie [Lernbiografie] usw.
Die
in dieser Arbeit verwendete Definition von
Lernbiographie
[Lernbiografie]
stützt
sich auf wenige Textstellen in der Literatur, wobei zwei von diesen (NOLDA,
VÖLZKE) explizit von Lernbiographien [Lernbiografien] sprechen:
“(...)
wenn unter Lernbiographie die Darstellung der lebensgeschichtlichen Einbettung
von auf einen Lerngegenstand bezogenen Erfahrungen verstanden wird (also
gewissermaßen eine Lern-Lernbiographie) (...)” (NOLDA 1996, 85)
Eine
Lern-Lernbiographie [Lernbiografie] ist also ein lerngegenstandsbezogene
Biographie des Lernens des Lernens - oder: Wie an diesem Gegenstand das Lernen
gelernt wurde. Im übrigen scheint dieser Begriff relativ unklar gebraucht
zu sein.
“Von
Lernbiographien und ihrer Relevanz ist in der Erwachsenenbildung zwar
häufig die Rede, was aber genau darunter zu verstehen ist, wie
entsprechende Daten hervorgerufen und interpretiert werden sollen und welche
konkrete Bedeutung ihre Analyse haben können, ist trotz der inzwischen
vorhandenen zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Biographieforschung
eher unklar.” (ebd., 85)
Weitere
Definitionen des Begriffs “Lernbiographie” aus der Literatur finden
sich, wenn entsprechend der Gleichsetzung von “Biographie” und
Lebensgeschichte” auch “Lernbiographie” mit
“Lerngeschichte” gleichgesetzt wird. Den Begriff der Lerngeschichte
– in seiner Erzählform, als erzählte Geschichte –
definiert Michael SCHRATZ in einer Studie über Lernprojekte Erwachsener:
“Der
Stellenwert der Lerngeschichten kann m.E. erst im Zusammenhang der jeweiligen
Lebensgeschichte interpretiert werden. Denn zu Bildungsinhalten werden
Lerninhalte erst durch die Verknüpfung mit der eigenen Lebensgeschichte,
mit der Identität, sie begründen und bereichern die
Persönlichkeit‘ (SIEBERT 1983, ...). Insofern stellen die
Lerngeschichten mit den (Lern-)Projekten immer auch Teil von Lebensgeschichten
der Befragten dar, und umgekehrt wurden die Lebensgeschichten der Befragten
auch immer über individuelle Lerngeschichten beeinflußt.”
(SCHRATZ 1993, 95)
NOLDA
spezifiziert seine Definition von Lernbiographie [Lernbiografie] als
Lernen-Lernen, SCHRATZ über die Transformation von Lerninhalten zu
Bildungsinhalten, wobei nach SCHRATZ Entwicklung von Identität geschieht
(vgl. auch SCHRATZ 1993, 142). In dieser Arbeit wird aber weder der Entwicklung
des Lernens in der Biographie, noch der Bereicherung der Persönlichkeit
durch Bildungsinhalte als zentrale Fragestellung nachgegangen, vielmehr geht es
um das Phänomen des Eingebettetseins des erwachsenenbildnerischen Lern-
und Lehrgegenstandes in die Biographie und das wechselseitigen Bedingtsein von
Lernbiographie [Lernbiografie] und Gesamtbiographie. Daraus präzisiert
sich auch die Fragestellung / Forschungsfrage: Welche ist die
lebensgeschichtliche Einbettung des erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstandes? Die Wechselseitigkeit des Bedingtseins wird in dieser Arbeit
allerdings eher hinsichtlich der Beeinflussung von Gesamtbiographie auf die
Lernbiographie [Lernbiografie] untersucht, weniger hinsichtlich der
Rückwirkung der Lernbiographie [Lernbiografie] auf die Gesamtbiographie.
Die “auf einen Lerngegenstand bezogenen Erfahrungen” (NOLDA) werden
in dieser Arbeit also vor allem mit den übrigen Erfahrungen erklärt.
Reinhard VÖLZKE wiederum definiert die Erfahrungen, die Lerngeschichten
ausmachen, nicht so streng bezogen auf einen Lerngegenstand und kommt dadurch
auf die Quasi-Gleichsetzung von Lebensgeschichten und Lerngeschichten, wodurch
die Lerngeschichte schon fast zur Geschichte der individuellen Sozialisation
wird.
“Lebensgeschichten
sind Lerngeschichten - und: Lerngeschichten sind eben auch Lebensgeschichten.
Das bedeutet: In der eigenen und in der Lebensgeschichte anderer
Gesellschaftsmitglieder spiegeln sich subjektive Lernerfahrungen aus Familie
und sozialem Umfeld sowie aus den einzelnen Einrichtungen des Bildungssystems
wieder, die Einblick geben können in die Bedeutung einzelner Ereignisse
und Erfahrungen im Erziehungs- und Sozialisationsprozeß. Und umgekehrt:
Nach heutigem Verständnis ist Lernen ein lebenslanger Prozeß, der
sich nicht auf Kindheit und Jugend beschränken läßt.”
(VÖLZKE 1993, 24)
Noch
weiter greift Friedmann MAURER aus, indem er die gesamte Lerngeschichte mit der
Lebensgeschichte gleichsetzt; eine Lebensgeschichte bestehend also aus lauter
Lerngeschichten.
“In
der Lebensgeschichte, von je anderen Standorten immer wieder mit andern
Akzenten und damit neu erzählbar, spiegelt sich mit der Suche nach dem
Lebenssinn und nach dem Ich nicht zuletzt die Geschichte innerer Wandlungen,
geistiger und sozialer Umorientierung, kurzum des Lernens. Faßt man Leben
als den Inbegriff der Wandelbarkeit oder Veränderbarkeit des Menschen,
dann ist Lebensgeschichte zuallererst Lerngeschichte.” (MAURER 1981, 109)
Durch
die Ausrichtung dieser Arbeit auf die Lernbiographien [Lernbiografien] jener
Lerngegenstände, die zu erwachsenenbildnerischen Lehrgegenständen
werden, wird hier der Begriff Lernbiographie [Lernbiografie] enger auf einen
Lerngegenstand bezogen definiert, als dies VÖLZKE und MAURER tun. Es geht
hier nicht darum, den Begriff des Lernens aus der Besetzung durch das formale
Lernen loszureißen. Zugestimmt wird hier allerdings der von VÖKZKE
und MAURER betonten Unabgeschlossenheit von Lernprozessen über den
gesamten Lebenslauf.
“lebensgeschichtliche
Einbettung”
Mit
lebensgeschichtlicher Einbettung ist konkret die Interpretation des
lebensgeschichtlichen Gesprächs gemeint bzw. die daraus erzähl- und
biographietheoretisch interpretierten “Motive” und
“Themen”. Die Fragestellung nach der Einbettung der
Lehrgegenstände von Erwachsenenbildnern wird so zur Frage nach der
Einbettung in den von mir im ersten, der Theorie des narrativen Interviews
folgenden Interpretationsschritt kreierten Korpus von Oberthemen, Leitmotiven,
Themen und Motiven.
“lehrende
Erwachsenenbildner”
Schon
in der Phase der Themenfindung stand fest, daß diese Arbeit sich auf
lehrende und nicht auf in der Organisation von Erwachsenenbildungseinrichtungen
tätige ErwachsenenbildnerInnen bzw. pädagogische MitarbeiterInnen von
Erwachsenenbildungsorganisationen konzentrieren soll. Mit der Festlegung des
Untersuchungsgegenstandes Lernbiographien [Lernbiografien] wurde diese
Festlegung dann noch einmal verfestigt, da bei lehrenden
ErwachsenenbildnerInnen die Frage nach den Lernbiographien [Lernbiografien] der
Lehrgegenstände viel evidenter ist, als die Fragen nach den
Lernbiographien [Lernbiografien] von nur organisatorisch tätigen
ErwachsenenbildnerInnen.
Die
Haupt- oder Nebenberuflichkeit der zu untersuchenden ErwachsenenbildnerInnen
war eigentlich von Anfang an kaum berücksichtigt worden (und wurde auch
deshalb in der letzten Auswertungsphase besonders relevant). Die
Haupt-Referenz-Literatur zu dieser Arbeit, Elisabeth BRUGGERs Studie zum
Berufsbild der ErwachsenenbildnerInnen in Österreich (1991b), fokussiert
dem gegenüber vor allem auf hauptberufliche, in der Organisation
tätige ErwachsenenbildnerInnen.
Eine
inhaltliche Definition des Begriffes ErwachsenenbildnerIn wurde im Rahmen
dieser Arbeit nicht vorgenommen. Die Frage nach dem Verständnis von
ErwachsenenbildnerIn steht im Rahmen dieser Arbeit weder theoretisch noch auf
die Eigendefinition der InterviewpartnerInnen bezogen im Mittelpunkt, sie wird
höchstens implizit mitberücksichtigt; sie ist deshalb hier auch nicht
bearbeitet. Bezüglich der Frage wie ein Erwachsenenbildner von einem
Nicht-Erwachsenenbildner zu unterscheiden sei, wurde festgelegt, daß
prinzipiell alle jene Personen für eine Befragung in Frage kommen, die
sich selbst als Erwachsenenbildner definieren. Durch die Art der Suche der
InterviewpartnerInnen, ist dieser Definition aber noch einmal ein Filter
vorgeschaltet, indem nämlich die InterviewpartnerInnen von
Erwachsenenbildungsorganisationen vermittelt wurden und erst im Zuge dieser
Vermittlung ein Schreiben erhielten, in dem sie als ErwachsenenbildnerIn
angesprochen wurden (Siehe “Anhang”: Brief an eine/n
ErwachsenenbildnerIn). Es kann also davon ausgegangen werden, daß keine/r
der InterviewpartnerInnen sich ausdrücklich nicht als Erwachsenenbildner
bezeichnet. De facto lautet die Definition von Erwachsenenbildner für
diese Arbeit also: Personen, die von Erwachsenenbildungsorganisationen als
Erwachsenenbildner aufgefaßt werden und dieser Bezeichnung dann
wenigstens implizit zustimmen. Diese Definition entspricht in etwa jener, die
sich auch für FINGER und BAUSCH in ihrer Untersuchung über die
Bildungsprozesse von ErwachsenenbildnerInnen ergibt.
“Etwa
40 Organisationen, die selbst ErwachsenenbildnerInnen ausbilden, in
Arbeitsgemeinschaften zusammenfassen oder selbst anstellen und bei sich
arbeiten lassen, versandten ca. 3000 Fragebögen. Wer von diesen Adressaten
sich selbst als Erwachsenenbildnerin oder Erwachsenenbildner betrachtete, hatte
die Möglichkeit, sich an der Umfrage zu beteiligen.” (FINGER /
BAUSCH 1991, 101)
“erwachsenenbildnerischer
Lern- und Lehrgegenstand”
Der
in dieser Arbeit verwendete Begriff des “erwachsenenbildnerischen Lern-
und Lehrgegenstandes” ergibt sich aus der Verbindung des Themas
“Lernbiographien [Lernbiografien]” mit der Personengruppe der
ErwachsenenbildnerInnen. ErwachsenenbildnerInnen vermitteln
Lehrgegenstände und haben diese Gegenstände irgendwann einmal auch
gelernt, die Anzahl der von ihnen jemals gelernten Lerngegenstände ist
aber mit Sicherheit größer. Nun fokussiert diese Arbeit nicht so
stark auf den Aspekt des ErwachsenenbildnerIn-Seins, wie Elisabeth BRUGGERs
Studie zum Berufsbild von ErwachsenenbildnerInnen in Österreich (1991b),
das ErwachsenenbildnerIn-Sein interessiert hier aber doch soweit, als daß
nur jene Lerngegenstände interessieren, die für die untersuchten
ErwachsenenbildnerInnen jemals zu erwachsenenbildnerischen
Lehrgegenständen geworden sind. Als erwachsenenbildnerische Lern- und
Lehrgegenstände werden also jenen Gegenstände bezeichnet, die zu
erwachsenenbildnerischen Lehrgegenständen geworden sind.
Die
Diktion des “erwachsenenbildnerischen” Lern- und Lehrgegenstandes
wird in dieser Arbeit deshalb durchgehalten, um von jenen Lerngegenständen
abzugrenzen, die für einige der untersuchten ErwachsenenbildnerInnen (W54,
M53, M42) zu schulischen Lehrgegenständen geworden sind. Eventuelle
schulische Lern- und Lehrgegenstände stehen nicht im Zentrum dieser Arbeit.
Der
Begriff des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes wird hier
weiters immer nur auf die Person der untersuchten ErwachsenenbildnerInnen
bezogen intendiert. Diese Festlegung ist deshalb nötig, denn auch wenn
hier jene Lebensphasen der ErwachsenenbildnerInnen untersucht werden, in denen
der Lerngegenstand noch nicht zum Lehrgegenstand geworden ist, wird die
Bezeichnung “erwachsenenbildnerischer Lern- und Lehrgegenstand”
beibehalten. Und dabei ist aber immer nur der Aspekt des Lerngegenstandes
gemeint (der einmal ein erwachsenenbildnerischer Lehrgegenstand werden wird)
und nicht der Aspekt des (dem zukünftigen Erwachsenenbildner) ge-lehrten
Gegenstandes. Der Begriff des Lern- und Lehrgegenstandes bezieht sich also nur
auf den lernenden und lehrenden (zukünftigen) Erwachsenenbildner und nicht
auf die Lehre, die der Erwachsenenbildner erfahren hat.
Klärungsbedürftig
ist der Begriff des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes auch
bezüglich der Art des Lernens. Die in der Explikation des Begriffs
“Lernbiographie” verwendeten Definitionsbeispiele aus der Literatur
stellen den Zusammenhang zum Begriff “Lerngegenstand” (NOLDA) und
zum Begriff Lerngeschichten (SCHRATZ) her. Inwieweit NOLDA mit Lerngegenstand
ausschließlich formelle Lerngegenstände meint, ist nicht bekannt,
SCHRATZ’s “Lernthemen”, die in den Lerngeschichten vorkommen,
beschreiben jedenfalls vor allem informelles Lernen, das aber auch formelles
Lernen zur Folge haben kann (Bsp.: Lernthemen “Frau” und
“Umwelt”) (vgl. 1993) . Lehrgegenstände von
Erwachsenenbildnern sind formelle Lehrgegenstände, jedoch ist bei der
Frage nach der Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstände nicht zu erwarten, daß nur formelles Lernen dabei
eine Rolle spielt. Der erwachsenenbildnerische Lern- und Lehrgegenstand ist
zwar als Lehrgegenstand formell und formal, im Rahmen dieser Untersuchung aber
in seiner ganzen Bandbreite der Lernarten, von formal bis inzidenziell,
berücksichtigt. So erfolgt auch die Benennung der erwachsenenbildnerischen
Lern- und Lehrgegenständen (siehe “Die erwachsenenbildnerischen
Lehrgegenstände der vier interviewten ErwachsenenbildnerInnen”)
nicht unbedingt nach den konkreten Lehr-Angeboten der ErwachsenenbildnerInnen,
sondern nach deren eigenen Begriffen. Oder die Benennung wird, falls sie durch
den Erwachsenenbildner im Interview nicht vorgenommen wurde (bei M53),
interpretativ vorgenommen. Hier muß allerdings eine Ausnahme gemacht
werden: Die bisher festgelegte Definition des Begriffs des
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes kann nicht gelten, wenn es
um den Vergleich mit anderen Lerngegenständen oder Lehrgegenständen
geht, etwas um festzustellen, welche die wichtigere biographischen Funktion
haben, denn dann hieße das, daß Lerngegenstände, die wichtige
Themen und Motive sind (weil interpretativ und nicht textgeneriert definiert -
M53), mit anderen Lerngegenständen als wichtige Themen und Motiven
verglichen werden müßten. Die Interpretation würde also beim
Vergleich von Themen und Motiven landen. Deshalb: für den Vergleich von
Lern- oder Lehrgegenständen, die interpretativ festgelegt werden, sind
sehrwohl nur formell vermittelte Lern- bzw. Lehrgegenstände gemeint,
jedenfalls nicht informelle Lerngegenstände.
Nicht
nur aus der Perspektive der Lernarten ist der in dieser Arbeit verwendete
Begriff des erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstandes ein offener
Begriff, er ist dies auch in der zeitlichen Perspektive.
Erwachsenenbildnerischer Lern- und Lehrgegenstand meint in dieser Hinsicht
nicht eine Abfolge von Erst-Lernen-dann-nur-Lehren, sondern das Lernen am
erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegenstand wird hier als
unabgeschlossenes und als nicht abzuschließendes verstanden. Reinhard
VÖLZKE und Friedmann MAURER weisen mit ihren Feststellungen (siehe oben)
“Lebensgeschichten sind Lerngeschichten” und
“Lebensgeschichte (ist) zuallererst Lerngeschichte” auch in diese
Richtung der Unabgeschlossenheit von Lernprozessen über den gesamten
Lebenslauf – und gelangen dadurch in die Nähe des Begriffs des
“lebenslangen Lernens”.
“Südtiroler”
Das
anfängliche Anliegen, diese Arbeit speziell über Südtiroler
ErwachsenenbildnerInnen zu verfassen, ist im Laufe der Arbeit verblaßt,
da hier nicht nach wirklich südtirolspezifischen Kriterien gesucht werden
kann. D.h. hier kann nicht differenzierend untersucht werden, was bei den
Lernbiographien [Lernbiografien] von Südtiroler ErwachsenenbildnerInnen
anders wäre als bei etwas österreichischen oder bei
ErwachsenenbildnerInnen aus dem Trentino. Um nach südtirolspezifischen
Kriterien untersuchen zu können, bedürfte es der Ergebnisse aus
regionsbezogenen strukturellen oder historischen Vergleichen in der
Erwachsenenbildung, die das Spezifische an der Südtiroler
Erwachsenenbildung beschreiben würden; solche Daten stehen aber nicht zur
Verfügung. Südtiroler Erwachsenenbildner meint hier also vor allem,
daß die untersuchten Erwachsenenbildner aus Südtirol stammen und
dort lehren. Im übrigen sind aber auch die Arbeiten von Elisabeth BRUGGER
und von FINGER / BAUSCH, die jeweils über Schweizer oder
österreichische ErwachsenenbildnerInnen Aussagen machen, keine
vergleichenden Studien. Allerdings haben diese Arbeiten durch die
größere Anzahl an untersuchten Personen eine größere
Repräsentativität für diese Räume – was besonders bei
FINGER / BAUSCH zutreffen dürfte. Bezüglich der
Südtirolspezifika der Gemischtsprachigkeit und des Verhältnisses
zwischen den Sprachgruppen ist diese Arbeit von vornherein entschärft, da
nicht ein Vergleich von deutsch- und italienischsprachigen
ErwachsenenbildnerInnen angestrebt wurde, was zwar interessant gewesen
wäre, aber den zusätzlichen Aufwand der Übersetzung von
Interviews bedeutet hätte. Und zudem interveniert die Zeitgeschichte in
die Biographien der untersuchten deutschsprachigen ErwachsenenbildnerInnen
nicht mehr als der Konflikt mit der italienischen Sprachgruppe, dies
dürfte die generationsbildende Erfahrung einer vorhergehenden Generation
von SüdtirolerInnen gewesen sein. Jene untersuchten
ErwachsenenbildnerInnen, in deren Biographien Italiener und Italien eine Rolle
spielen, sind frei von ethnischen Konflikten (W54, W39, M53) und Beispiele
für die alltägliche Normalität im Zusammenleben der
Sprachgruppen. Mit der Person von M53, der “aus ladinischen
Tälern” stammt, kam dann allerdings doch das Thema der ethnischen
Minderheit unerwartet in diese Arbeit herein.
[14]
Bei einem zweiten, themenzentrierten narrativen Interviewdurchgang wäre es
reizvoll gewesen, am Rande auch nach Momenten der durch das erste,
lebensgeschichtliche Interview ausgelösten biographischen Reflexionen
Ausschau zu halten.
© 1998 