Pöhl Stefan: Lernbiographien von ErwachsenenbildnerInnen. Lebensgeschichtliche Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegestände von vier Südtiroler EwachsenenbilderInnen. (Diplomarbeit) Innsbruck 1998.
Die
Biographische Methode als Forschungsmethode: Biographieforschung
Biographieforschung
bezieht sich auf einen qualitativen Ansatz der Forschungsmethodik, der
entsprechende quantitative Ansatz ist unter dem Begriff der Lebenslaufforschung
zusammengefaßt (vgl. FALUSTICH-WIELAND 1996, 116f). Die in den
Sozialwissenschaften stattgefundene Konsolidierung von quantitativer und
qualitativer Methode wird von Dieter NITTEL (Universität Frankfurt) wieder
problematisiert, da die Komplexität der modernen Gesellschaft auch durch
informativste quantitative Untersuchungen nur ungenügend erfaßt
werden kann. Deshalb schlägt NITTEL für eine sinnvolle Ergänzung
beider Methoden zuerst ein stärkere Differenzierung beider
Untersuchungsstrategien vor und in Umkehrung zur üblichen Arbeitsteilung
zwischen quantitativer und qualitativer Forschung eine qualitative
Reinterpretation quantitativer Befunde (vgl. NITTEL 1996, 15 u. 11).
Die
Biographische Methode als Methode der Datengewinnung und Dateninterpretation
[2]:
Die
Datengewinnung erfolgt als Tonaufzeichnung, als Fotografie oder als
Videoaufzeichnung, das Endprodukt ist meist ein transkribierter,
verschriftlichter Text. Die biographische Methode als Datenerhebung steht in
einem fließenden Übergang zur biographischen Methode als
Biographiearbeit, indem etwa eine Befragung Bildungsprozesse auslöst, auch
wenn der Forschungsstil ein zum Befragten distanzierter ist. Sogar beabsichtigt
ist dieser Effekt bei der sogenannten Aktiven Befragung, deren Ziel nicht die
Informationsgewinnung, sondern die Informationsweitergabe und das Auslösen
von Diskursen ist. Das Verhältnis von beabsichtigter Forschung und deren
Nebeneffekt Bildung wird gezielt aufgehoben, wenn das Verständnis von
Biographieforschung das der Handlungsforschung bzw. Aktionsforschung ist, die
Distanz zwischen Forscher und Beforschtem ist bei einem solchen Vorgehen
vergleichsweise gering (vgl. KADE / NITTEL 1997, 753). Die Ende der siebziger
Jahre in Frankreich entstandene Bewegung der ‘Education Permanente’
[3]
und die Idee der ‘Autoformation’ mit PINEAU und Pierre DOMINICE
(Universität Genf) vertritt diese Position (vgl. FINGER 1992, 10).
Zwei
Formen des biographischen Interviews
:
- Das
lebensgeschichtliche Gespräch mit einem niedrigen Standardisierungsgrad,
bzw. “alles” als Standard, bewegt sich in einer eher
chronologischen Erzählung entlang der Lebenslinie. Dadurch werden Phasen
und Zäsuren in der Biographie erkennbar. Ein anschließendes
themenzentriertes Interview kann mit den dadurch gewonnenen Informationen
operationalisiert werden.
- Das
narrative Interview als ein auf den Forschungsgegenstand gerichtetes
themenzentriertes, teilstandardisiertes (Fragenkatalog) offenes Interview.
Der
verschriftlichte Text der Aufzeichnung (Transkription) ist der Ausgangspunkt
der biographischen Methode als
Dateninterpretation.
Diese ist also Textinterpretation.
Fünf
biographische Ansätze
[4]:
Sowohl
die Datenerhebung als auch die Dateninterpretation nach der biographischen
Methode können sich nach fünf unterschiedlichen Ansätzen richten:
- Der
chronologische
Ansatz
geht nach einem streng chronologischen Ablauf im Lebenslauf vor. Dem steht der
grundsätzlich sprunghafte Charakter von lebensgeschichtlichen
Erzählungen entgegen. Das methodische Instrument der Zeitleiste kann hier
ausgleichen. Die Zeitleiste besteht aus einer Zeitskala, auf der die
Lebensjahre und die entsprechenden Jahreszahlen angegeben sind. Damit kann der
Interviewer die Übersicht in einem nicht-chronologischen Erzählablauf
des Interviewten halten und zeitgeschichtliche Hintergründe besser
einbeziehen.
- Der
lebensgeschichtliche
Ansatz
im engeren Sinn frägt nach der Aufschichtung der Lebensgeschichte in
Abschnitten und Zäsuren, ist also im Gegensatz zum chronologischen Ansatz
nicht durch das Jahresraster standardisiert und entspricht so besser dem
natürlichen Erzählablauf. Das Konzept der “Generation”
steht dem lebensgeschichtlichen Ansatz nahe. Der lebensgeschichtliche Ansatz
akzeptiert die Erzählung aus dem Leben nach dem alltäglichen
Erzählschema. Diesem Ansatz entspricht das narrative Interview als
Datenerhebungstechnik und dessen rekonstruktive Auswertungstechnik mit dem
darin enthaltenen Rückgriff auf die Stehgreiferzählung und der
aufschichtungskonformen Wiedergabe von für den Erzähler relevanten
Lebenserfahrungen.
- Der
anthropologische
Ansatz
frägt nach Grundbedürfnissen wie Essen und Wohnen. Er arbeitet mit
dem historischen Rückblick und dem Vergleich zwischen Generation, Milieu
und Geschlecht (“Sozialwissenschaftliche Kategorien des kontrastiven
Vergleichs”).
- Der
sozialräumliche
Ansatz
berücksichtigt nach BLAUMEISER (Universität Wien und Innsbruck) den
Gebrauch des sozialen Raumes durch den Interviewten in einer Skalierung von
“privat / personell / informell” bis zu “öffentlich /
formal / institutionell”. Der idealtypische Lebenslauf verläuft von
den nahen sozialen Räumen in der Kindheit hin zu weiten sozialen
Räumen im Erwachsenenalter und wieder zurück zu nahen sozialen
Räumen im Alter. Im sozialräumlichen Ansatz wird lebensgeschichtliche
Erzählung nach “Anschauungsräumen”, “Orten der
Handlung”, “gesellschaftlichem Platz” und nach den den
sozialen Räumen zugeordneten Gefühlswerten verortet. Dieser Ansatz
fußt auf der auf dem Begriff des sozialen Raumes aufgebauten
Sozialtheorie Pierre Bourdieus und der “Phänomenologie der gelebten
Räumlichkeit” von Bernhard WALDENFELS (vgl. BLUNCK 1998).
- Der
milieutheoretische
Ansatz
geht nach BLAUMEISER mit einer “vieldimensionalen Erfassung sozialer
Zugehörigkeiten nach unterschiedlichen Indikatoren” vor, da die
herkömmlichen Klassen- und Schichtmodelle zu grob und unfruchtbar vorgehen.
In
seiner Anwendung als Datenerhebungsmethode ist für die Form als
lebensgeschichtliches Gespräch der lebensgeschichtliche Ansatz bzw. der
chronologische Ansatz mit Zeitleiste anwendbar, während die anderen drei
Ansätze besonders in der Form des narrativen Interviews umgesetzt werden
können. Der Ansatz von BLAUMEISER ist dabei ein nicht explizit
pädagogischer, sondern ein sozialhistorischer, der auf einen
pädagogischen Ansatz hin ausgeweitet wurde. Der gesamte Forschungsablauf
nach der biographischen Methode, mit lebensgeschichtlichem Gespräch und
narrativem Interview nach verschiedenen biographischen Ansätzen, stellt
sich, nach BLAUMEISER in einen Bildungsansatz überführt,
folgendermaßen dar:
“Für
den Sozialhistoriker, der die unmittelbare Vorgeschichte aktueller
Alter(n)sprobleme studiert, steht methodisch das offene biographische
Erstinterview im Vordergrund, dem narrative Tiefeninterviews zu speziellen
Lebensphasen und -zäsuren und Experteninterviews zu bestimmten Themen und
Ereignissen folgen. Das spezifisch Sozialhistorische lebensgeschichtlicher
Gesprächsführung liegt in der systematischen Einführung der
narrativen Strukturmuster und typologischen Kategorien, (...) und die
entsprechend den Voraussetzungen der Gesprächspartner zu
operationalisieren sind. Neben möglichst detaillreichem Nachzeichnen des
Lebenslaufs stehen Aufforderungen zum kontrastierenden Vergleich mit anderen,
vor allem nach Milieu, Generation , Geschlecht. Maßgeblich ist auch die
Bewußtmachung unterschiedlicher Zeitebenen in Wahrnehmungen und
Bewertungen sowie deren ausdrückliche Trennung. Nach dem Modell Ottakring
vollzieht sich diese kommunikative Forschung in themenzentrierten
Gruppengesprächen über die einzelnen Lebensphasen zwischen alters-,
geschlechts- und milieugemischten Teilnehmern. Nicht maximal naive
Authentizität ist Erzählideal, sondern kritische autobiographische
Selbstreflexion im Kontext der jeweiligen Lebensbedingungen. Im Idealfall
werden die empirisch gewonnenen Hypothesen mit den Erzählern diskutiert,
um auch diese gegenüber ‚stummen Quellen‘ zusätzlichen
Evaluationsmöglichkeiten zu nutzen.” (BLAUMEISER 1993, 36f)
[2]
Die Quelle für die Angaben zu Datengewinnung und Dateninterpretation ist,
falls nicht anders angegeben, die Lehrveranstaltung von Heinz BLAUMEISER
“Alte Menschen und ihre Jugend. Lebensgeschichtliche Forschungs- und
Bildungsarbeit” am Institut für Erziehungswissenschaften der
Universität Innsbruck im WS 1994/95 und SS 1995.
[3]
Eng damit verbunden sind die Begriffe “lifelong learning” /
”lifelong education” und lebenslanges Lernen” (vgl. DOHMEN
1996, 14).
[4]
Vgl. BLAUMEISER: “Der anthropologische Ansatz” “Der
lebensgeschichtliche Ansatz im engeren Sinn”, “Der
sozialräumliche Ansatz”, “Der milieutheoretische
Ansatz”. Unveröffentlichte Texte zur Lehrveranstaltung “Alte
Menschen und ihre Jugend. Lebensgeschichtliche Forschungs- und
Bildungsarbeit” am Institut für Erziehungswissenschaften der
Universität Innsbruck im WS 1994/95 und SS 1995.
© 1998 