Pöhl Stefan: Lernbiographien von ErwachsenenbildnerInnen. Lebensgeschichtliche Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegestände von vier Südtiroler EwachsenenbilderInnen. (Diplomarbeit) Innsbruck 1998.
Begleitende
theoretische Konzepte zur themabezogenen Interpretation
Die
hier kurz angerissenen theoretischen Konzepte stehen nicht im Zentrum der
themabezogenen Interpretation, weshalb sie hier auch als
“begleitende” Konzepte bezeichnet sind. Die Integration dieser
Konzepte in die Interpretation ist auch dementsprechend lose und von additivem
Charakter.
Im
Rahmen einer polnisch-deutsch-österreichischen 1993 veröffentlichten
Studie zur vergleichenden Bildungsforschung von ‘
Lernprojekten
Erwachsener
’
untersuchte Michael SCHRATZ biographische Aspekte in den Bildungsgeschichten
Erwachsener (vgl. SCHRATZ 1993).
“(...)
‚Lernprojekten‘ im Sinne einer ‚zielgerichteten,
organisierten Beschäftigung mit einem Thema in einem Zeitraum von
mindestens vier Wochen‘ (SIEBERT ...) (...)” (SCHRATZ 1993, 104)
Im
Mittelpunkt steht dabei die Relevanz von kritischen Lebensereignissen und
daraus erwachsender Krisen für Lernprozesse.
“Im
Rahmen der vorliegenden Untersuchung zeigt es sich, daß kritische
Lebensereignisse dazu führen können, daß (Aus-) Bildungs- bzw.
Lernwege abgebrochen werden (...) Sie können aber auch dazu führen,
daß die Betroffenen neue Lernmöglichkeiten suchen (...) Auffallend
ist dabei, daß ein kritisches Ereignis eher dazu führt, daß
vom Leben ‚abgehobene‘, d.h. als abstrakt bezeichnete
Lernsituationen (z.B. Studium) zugunsten von ‚praktischeren‘
aufgegeben werden.” (ebd., 97)
Erwachsenenbildung
kann dabei eine therapeutische Wirkung hervorrufen, höhere Bildung kann
präventiv wirken. Als “Lernthemen” von Lernprojekten sind die
Themen Frau und Umwelt hervorgetreten. Lernprojekte Erwachsener haben in
bestimmten Aspekten eine gewisse Ähnlichkeit mit dem in dieser Arbeit
verwendeten Begriff der erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstände, weshalb hier beide Begriffe zuerst einmal verglichen
werden sollen. Der Begriff des erwachsenenbildnerischen Lern- und
Lehrgegenstandes deckt den gesamten zeitliche Verlauf eines Gegenstandes, der
im Rahmen der Erwachsenenbildung gelehrt wird, vom Zeitpunkt des Auftauchens
als Lerngegenstand ab, wobei auch noch ein Lernen an diesem Gegenstand
postuliert wird, wenn er schon Lehrgegenstand ist. Das “Lernthema”
(SCHRATZ) eines Lernprojekts Erwachsener deckt sich mit dem
erwachsenenbildnerischen Lern- Lehrgegenstand also zu jenen Zeitpunkten und
Phasen, in denen dieser Lerngegenstand ist, dem aktiv nachgegangen wird, sei es
formell oder informell. (Die in obigem Zitat genannte “organisierte
Beschäftigung” ist nicht unbedingt eine formelle, da das genannte
Lernthema “Umwelt” nur informell gelernt wurde). Dieses aktive
Lernen am “Lernthema” oder am erwachsenenbildnerischen
Lerngegenstand muß zudem aus einer Krisensituation resultieren, um als
Lernprojekt im Sinne von SCHRATZ bzw. SIEBERT bezeichnet werden zu können,
wenn auch erst nach einer gewissen Inkubationszeit.
“Insgesamt
zeigen sich parallel zu den Ergebnissen in der Studie der BRD, daß
kritische Lernereignisse nicht unmittelbar neue Lerninteressen hervorrufen,
sondern eine längere ‚Inkubationszeit‘ (SIEBERT) erfordern,
die von der Entwicklung von latenten Bedürfnissen zu konkreten Interessen
erforderlich sind.” (ebd., 98)
Das
Konzept der Lernprojekte Erwachsener hat eine gewisse Nähe zum weiter oben
bei der erzähl- und biographietheoretischen Interpretation
präsentierten Konzept der Prozeßstruktur Verlaufskurve von
SCHÜZTE.
Ein
Konzept, das das Selbstverständnis von Bildung aus einer biographischen
Sicht erfaßt, ist jenes von Kurt EGGER über die “
Synchronisations-
und Integrationsmodelle
”
versus die “
Wandlungs-
und Widerspruchsmodelle
”,
die EGGER polar gegenüberstellt.
“(...)
Synchronisations- und Integrationsmodelle, die darauf achten, aufgestellte
Normen zu tradieren und zu sanktionieren, die das lückenlose Einpassen von
Individuen in das Sozialgefüge zum Hauptzweck haben, und Wandlungs- und
Widerspruchsmodelle für die die tätige Erweiterung von Individuen,
für eine Ausweitung von Handlungs- und Entscheidungsspielräume
stehen.” (EGGER 1996, 44)
Diese
beiden “Modelle” beziehen sich auf die Untersuchung von
“modernen Bildungsverläufen”, das zeigt sich auch im Vergleich
der hier untersuchten Biographien, von denen sich die beiden der
Achtundsechziger-Generation (W39 und M42) in dieses Konzept einpassen lassen,
währen die beiden anderen InterviewpartnerInnen mit diesem Konzept nicht
beschreibbar erscheinen. In beiden Biographien erscheint es nämlich
unmöglich das Widerspruchsmodell auch nur potentiell aufzufinden, die
Polarität von Integration versus Widerstand und Wandlung scheint nicht
gegeben.
© 1998 