Im Jahr 2001 zog ich von Innsbruck nach Wien um. Schon vorher war ich öfters zu Besuch in Wien, das damals
aber vor allem ein Ort der größeren Möglichkeiten für einen Jugendlichen war,
"Großstadt" eben, ein Ort, der auch durch seine mediale Ausstrahlung geprägt hatte. Mit
dem Umzug und dem Entschluss, in dieser Stadt zu Leben, rückten für mich neue bisher nicht relevante Dinge in den Vordergrund: Erstens, dass Wien als eine Stadt in der
Deutsch gesprochen wird, sehr weit im Osten liegt. Geographisch gesehen ist Östösterreich
ja eine Ausbuchtung des deutschen Sprachraumes, die umgebeben ist von lauter anderen mir
unbekannten Sprachen (anders als meine ursprüngliche Heimat Südtirol, die nicht nur
an, sondern direkt auf einer Sprachgrenze liegt - nur, die dortige zuerst fremde Sprache beherrsche
ich). Und zweitens, dass dieser "Osten", d.h. die Staaten des ehemaligen Ostblocks, nur
50 km hinter dieser Stadt an der Staatsgrenze beginnt. Und für das, was da beginnt, hatte ich einfach
keine Vorstellung (unabhängig von der Tendenz hierzulande bei den
nicht-jüngeren Generationen, den Eisernen Vorhang als Vorstellung nicht aufzugeben). Es war
für mich irgendwie, als ob hinter diesen 50 km bis zur Staatsgrenze nichts wäre, nur Tundra und gleich
dahinter Moskau und Peking.
Ich habe mich nun ab 2003 dazu aufgemacht, diese angrenzenden Länder des Ostens zu erkunden, und zwar
nach der mir vertrauten lebensgeschichtlichen Methode: Indem ich Menschen finde, die früher im
Osten lebten und dann nach Wien übersiedelten, gleich wie ich also dort und hier lebten und
leben, indem diese Menschen lebensgeschichtliche interviewe und mit dieser Erzählung ausgestattet
dann deren ehemaligen Lebensorte besuche (siehe die Seite "Orte: Hinterland / Osten").
Und es wurde im Laufe der Beschäftigung klar: Es ist dieses Leere und
völlig Unbekannte des Ostens, das ihn für diese aufwändige Erarbeitung eines Zugangs
attraktiv macht, ein Zugang der dann aber in Vertrautheit, Sicherheit und Bekanntheit erfolgen kann.
Hineingenommen in diese Erkundung des Ostens wurden ab 2005 auch noch passende Ausschnitte aus Lebensgeschichten, die ich bei der Durchführung des Projekts "Beteiligung durch Erinnerung" im Jahr 2000 eingeholt hatte und an die ich mich jetzt wieder erinnerte. Weiters habe ich hineingenommen jenen Teil der Geschichte meiner väterlichen Herkunftsfamilie, während dem diese im Kontext der "Option" der Südtiroler für zwei Jahre im heutigen Slowenien gelebt hat.
Von Wien aus liegt dieser Ort ja viel näher als von Südtirol aus und wenn ich nun schon einmal da bin und mich eh für den Osten interessiere, kann ich ja auch hinfahren.
Mit diesen beiden Ausweitungen hat sich neben Wien also auch Südtirol als ein relevanter Ort in "hier und dort: Osten" etabliert. Auch der Beginn dieses Projekts ist damit eigentlich viel früher anzusetzen.
Die weitere Entwicklung geht dahin, dass 2 Jahre nach Beginn dieses Projekts und einigen Besuchen im "Osten" nun auch "der Westen" von Wien aus für mich ins Blickfeld rückt und ich die Lebensorte der Interviewten dort zu besuchen beginne: Orte im Waldviertel, im Salzkammergut, in Deutschland, Belgien und Luxemburg.
In einer längerfristigen Sicht erscheint mir das Dazugewinnen von kontrastierenden Lebensgeschichten reizvoll. Unterschiedliche generationale Lagerungen und unterschiedliche ethnische Zugehörigkeiten der Interviewparterinnen sollten mir ein mehr als eindeutiges Bilde eines Landes einbringen (vergleiche Projekt "Beteiligung durch Erinnerung": deutschsprachige und italienischsprachige Seniorengruppen in Südtirol).
Bedanken möchte ich mich bei meinen InterviewparterInnen und sicherheitsgebenden VermittlerInnen neuer Orte.
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