Das wichtigste und auf den/die einzelne/n TeilnehmerInn bezogene Ziel eines lebensgeschichtlichen Gesprächskreises besteht darin, biographisches Lernen bei den TeilnehmerInnen zu ermöglichen.
"Den eigenen Lebensweg zu überdenken und mit anderen darüber zu sprechen, kann wichtige Bildungsprozesse auslösen: man erkennt, daß auch andere ganz ähnliche Dinge erlebt haben. Das persönliche Schicksal wird in seinem sozialen Zusammenhang verständlicher."(WAPPELSHAMMER / WEBER 1985, S.4)
In seiner Übereinstimmung mit dem Erlebten der anderen wird das eigene
Erlebte vom Zufällig-Individuellen zum Typischen für eine bestimmte
Zeit. In unterschiedlichen Formulierungen findet sich diese Zusammenschau von
eigener Lebensgeschichte und sozialen Gegebenheiten und der sich daraus
ergebende Bildungsprozeß bei verschiedenen Autoren.
Heinz BLAUMEISER
postuliert die "Kurzformel: kritisch autobiographische Selbstreflexion im
historisch-soziokulturellen Kontext".
"Ein solcher Austausch (Vergleich des eigenen Lebens mit anderen im alltäglichen gesellschaftlichen Austausch; SP) ist nun aber für viele alte Menschen eingeschränkt. Hier muß in Ermangelung erreichbarer Alternativen eine kompensatorische Altenarbeit einsetzen, die diese Kurzformel (kritisch autobiographische Selbstreflexion im historisch-soziokulturellen Kontext; SP) zur Entfaltung bringt. Ihre Kernaufgabe ist die systematische Schaffung und Pflege kritisch-reflexiver Lernsituationen, in denen ältere Menschen ihren Lebensweg in Beziehung setzen zu seinen zeitgeschichtlichen Gegebenheiten und möglichen Alternativen, wie sie vor allem in Lebenswegen anderer Menschen sichtbar werden. Im Modell Ottakring haben wir für Bereiche der institutionellen Altenbildung unseren Forschungsansatz um einen Bildungsansatz ergänzt: Interessenten bilden gemischte Gesprächsgruppen, in denen entlang idealtypischer Phasen und Zäsuren des Lebenszyklus jeweils themenzentriert jeweils eigene Lebenserinnerungen erzählt und vergleichend-kontrastierend reflektiert werden."(BLAUMEISER 1993, S.40)
Das übereinstimmend mit anderen Erlebte und sich daraus ergebende Verständnis
des sozialen Zusammenhangs bekommt an seinen Grenzen, an der Nichtübereinstimmung
mit dem Erleben anderer, in den "möglichen Alternativen" einen
weiteren Impuls zur Neubewertung des Erlebten.
Michael SCHRATZ (Institut für Erziehungswissenschaften - Universität
Innsbruck) hat aus den USA die dort in der Altenarbeit verwendete Methode der "Guided
Autobiography" importiert und hier für die Selbstreflexion von Pädagogikstudenten
nutzbar gemacht.
"Die Grundidee der 'Guided Autobiograhy' liegt in einer thematischen Annäherungen an Lebenserfahrungen, die individuell über Fallgeschichten schriftlich erarbeitet und in Gruppen diskutiert werden. In der Altenarbeit wird sie vor allem dazu eingesetzt, Reflexionen über die eigene Lebensgeschichte einzuleiten, um sie über die Bearbeitung der Fallgeschichten der bestimmenden Erfahrungen im Leben deutlicher bewußt zu werden und - durch Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Gruppe - eine Stärkung der eigenen Identität sowie Anregungen und Perspektiven für den weiteren Lebenslauf zu gewinnen."(SCHRATZ 1996, S.125)
Das Wechselspiel von individueller Erfahrung und gesellschaftlichen
Strukturen wird hier zwar nicht direkt benannt - der Fokus liegt auf der
individuellen Erfahrung -, kommt aber sehrwohl als "Herausarbeiten von
Gemeinsamkeiten und Unterschieden" vor. Methodisch wird hier die auf die
schriftliche Vorfixierung des Erzählten Wert gelegt, was mehr Kontrolle über
die eignen Äußerungen erlaubt. Die "Zugzwänge des Erzählens"
(BOHNSACK 1991, S.94) werden gemildert.
In einer vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung herausgegebenen
Halbjahresschrift, die im Juni 1996 dem Thema Biographie gewidmet war, schreibt
BRAUN:
"Ausgangspunkt des biographischen Lernens ist ein Verständnis von Biographie als Prozeß, in dem Erfahrungen im Kontext der Gesellschaft erworben werden. Der erwachsenenpädagogische Umgang mit Biographie betont in diesem Sinne nicht den individuellen Charakter der Lebensbiographie, sondern die Verschränkung der historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen mit der Lebensgeschichte des einzelnen."(BRAUN 1996, S.109)
Durch biographisches Lernen können sich dann neue Perspektiven ergeben:
"Die Darstellung der Biographien und Lebensläufe erfolgt durch die Interpretation der individuellen Lebensgeschichte im Kontext gesellschaftlicher Strukturen. Die eigene Biographie kann so in ihrer Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit durchleuchtet werden und durch diese Aufarbeitung neue Handlungsperspektiven oder Lebensgestaltungen eröffnen."(BRAUN 1996, S.110)
Biographisches Lernen ist also die Auswirkung eines Gesprächskreises auf seine TeilnehmerInnen, wenn durch den Gesprächskreis Reflexionsprozesse in Gang gesetzt werden. Diese Relfexionsprozesse in Gang zu setzen, und somit biographisches Lernen zu ermöglichen, das ist das Ziel dieses lebensgeschichtlichen Gesprächskreises.
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