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Elionor Groth - Innsbruck, 22.5.1998
Die Anschluß - Verlobung, 1938Mein Mann war Hamburger, also Deutscher. Ich habe ihn in Garmisch kennengelernt. Das war vielleicht ein bisschen originell. Also, es war so: Er ist von Hamburg nach Bayern gekommen, zum Bodensee. Er war damals reisender Kaufmann und ich habe in Garmisch gelebt. Das heißt, ich bin von Paris nach Innsbruck und dann nach Garmisch, um dort Sprachunterricht zu geben. Ich habe mir ein Zimmer genommen und habe Annoncen in die Zeitung gegeben. Ein Mädcheninternat hat sich gemeldet und ich gab den Mädchen Unterricht. Von der Garmischer und der Mittenwalder Kaserne haben mir die Offiziere geschrieben, sie möchten von mir Sprachunterricht bekommen. Sie haben bei mir hauptsächlich Italienisch gelernt. Den Unterricht gab ich in den Kasernen in einem großen Klassenzimmer. Dann hatte ich noch Tourismusleute, Wirte, Geschäftsleute und Angestellte als Schüler. Die lernten Englisch, Französisch und Italienisch. An dem Tag, an dem ich meinen Mann kennengelernt habe, hätte ich um sieben Uhr abends Unterricht gehabt, aber es gerade erst sechs Uhr. So bin ich noch ein bißchen spazieren gegangen und habe aus meiner Tasche ein Stückchen Schokolade genommen, habe das Staniolpapier zusammengeknüllt und in den Rinnstein geworfen. Und da kam mein zukünftiger Mann mir entgegen. Auch er hat nicht gewußt, was er tun soll, und da sieht er das Staniolpapier über die Straße rollen, und pedantisch, wie er war, hat er zu mir gesagt: "Na, tut man denn sowas?". Ich habe die Schultern gezuckt und bin weitergegangen. Auch er ist weitergegangen, und zwar gleich auf die andere Straßenseite hinüber, er wollte natürlich sehen, ob ich mich nach ihm umdrehe. Ich ging aber zu einem Postkasterl, um einen Brief einzuwerfen. Da ist er dann schon daherstolziert gekommen. Ich habe für alle Fälle gelächelt, habe die Hände wie zum Fesseln übereinandergelegt, und mir gedacht: "Sei freundlich, es könnte ja ein Aufseher oder ein Polizist in Zivil sein und ich war schließlich schon einige Tage in Garmisch und war noch nicht amtlich gemeldet. Na, und ein bisschen Hintergedanken hatte ich auch, denn er sah gut aus. Wir sind dann zusammen Essen gegangen und er ist immer wieder nach Garmisch gekommen, und wir haben uns geschrieben. Na, und wie's so weiterging und kam, mein Mann war Deutscher und ich Österreicherin und da damals gerade der Anschluß Deutschland - Österreich war, und alles in Jubelstimmung war, haben wir das als Anlass genommen, haben uns auch zusammengeschlossen und haben unsere Verlobung gefeiert. |
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Elionor Groth - Innsbruck, 26.5.1998
Seinem Schicksal kann man nicht entgehenWohnt man am Land und dann auch noch an der Straße zum Friedhof, so weiß man immer, wer gestorben ist und wer die Leute sind, die zu ihren Gräbern gehen. So war das auch, als wir nach dem Ersten Weltkrieg als Kinder ein Haus und Garten neben dem Friedhofsweg in Velden am Wörthersee hatten.
1929
An unserem Haus vorbei ging regelmäßig ein älterer vornehmer Herr, ein k. u. k. General mit Monokel. Er besuchte das Grab seiner Frau. Sah er meine Eltern im Garten, dann grüßte er mit einer Feldherrenstimme meine Mutter: "Küß die Hand, gnädige Frau!". Und meinen Vater: "Habidiehre Herr Kapitän". Nun, die Jahre vergingen, der Feldherr wurde älter und seien Augen wurden schwächer. So verwechselte er einmal meine vierzehnjährige Schwester mit meiner Mutter und grüßte sie: "Küß die Hand, gnädige Frau!". Er hat den Irrtum nicht bemerkt, und meine Schwester wurde furchtbar eingebildet. Eines Tages blieben seine Grüße aus. Er war in den Armen seiner Tochter gestorben. Früher war es in den Familien oft üblich, daß eine der Töchter daheim bei den Eltern blieb, um sie im Alter zu umsorgen. Entweder hatten sie keinen Mann gefunden, oder sie wollten nicht heiraten, oder sie blieben aus Pflichtgefühl bei den Eltern. So war das auch beim alten General. Er ist daheim gestorben. Sein freundliches "Küß die Hand" und "Habidiehre" waren für immer verstummt. Am Ortsrand in einem kleinen Häuschen wohnte die alte Frau Schluga. Seit ihr Mann gestorben war, trug sie schwarz. Ein langes schwarzes Kleid und ein schwarzes Kopftuch. Sie lebte alleine, sie ging in den Ort einkaufen, kochte sich ihr bescheidenes Essen, und so wurde sie immer älter, immer gebeugter und ihre Schritte wurden langsamer. Wenn man sie fragte: "Frau Schluga, was werden's denn machen, gehen Sie nicht in ein Heim?". Da konnte sie zornig werden: "Na, na, in ein Siechenhaus geh i nit! Keine zehn Pferd bringen mi dahin. I bleib in mein Häusl und da stirb i a! Na, na!". Sie war ganz mager, weißhaarig und blaß, als sie eines Tages die Augen für immer schloß. Zu ihrem Begräbnis kamen nur wenige Leute. Ihr "Häusl" wurde bald abgerissen und mußte einer Fremdenpension weichen. Das war die alte Frau Schluga.
"Die alte Schluga-Keusche im Winter 1916/17. An dieser
Stelle erhebt sich heute das Haus Egerland an der Kranzlhofenstraße, das
von dem damaligen Bürgermeister Heinzl erbaut wurde."
In der Nachbarschaft lebte ein Ehepaar mit Hund. Als der Mann starb, kamen vier Männer und trugen den Toten im Sarg aus dem Haus. Seither ließ der Hund keinen Mann mehr in's Haus. Er hatte wohl Angst, daß ein Mann auch sein Frauerl wegtragen könnte. Der treue Hund lief täglich zum Friedhof und legte sich auf's Grab seines Herrls. Als kleines Mädl sah ich oft einen jungen Mann, der eine Dame am Arm führte. Sie unterhielten sich gerne mit meinen Eltern. Die Dame, seine Schwester, die sehr freundlich zu mir war, hatte ihr ganzes Gesicht hinter dichten Schleiern versteckt. Meine Mutter erklärte mir, daß die Dame das Gesicht von Hautkrebs zerfressen hätte. Ihr Bruder umsorgte sie. Nach einiger Zeit sah man ihn nur noch alleine. Sie war gestorben. Ein schwarz gekleideter älterer schlanker Mann ging täglich zum Bahnhof, zu jedem Zug. Er war Italiener, ein stiller, in sich gekehrter ruhiger Mann, dieser Signore Dinato. Mein Vater unterhielt sich oft mit ihm, denn der einsame Mann tat ihm leid, und so erzählte er mir das traurige Schicksal dieses Mannes. Er mußte im Krieg aus Italien fliehen, kam in unseren Ort, doch seine Frau und seine Kinder blieben in einem Auffanglager in Italien zurück, wo sie an Typhus starben. Der Mann wurde durch diese Nachricht seelisch krank und ging zu jedem ankommenden Zug, in der Hoffnung seine Familie würde kommen. Als er sehr alt war, brachte man ihn in ein Heim, wo er gebrochenen Herzens starb. So hat jeder sein Schicksal und stirbt jeder auf seine Art und Weise. |
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Lebensgeschichtliche Einnerung an konkrete Erreignise (Bsp.: Elionor Groth: "Seinem Schicksal kann man nicht entgehen") kann Refelxionsprozesse auslösen:
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Elionor Groth - Innsbruck, 30.5.98
Vom Leben nach dem Tod"Leben ist wohl nicht das richtige Wort, denn Leben heißt vivere.
Leben ist jetzt, hier und diesseits. Man könnte vielleicht "Sein"
nach dem Tod sagen, wenn jemand daran glaubt.
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